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Excerpt for Jesse (Damage Control Reihe 2 - German Version) by , available in its entirety at Smashwords

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Klappentext

Nach Madison zurückzukehren ist schmerzhaft. Ich dachte, ich hätte meine Vergangenheit hinter mir gelassen, aber die Vergangenheit lebt weiter. Ich trage sie in mir, sie ist ein Teil von mir. Man hat mir unheilbare Narben zugefügt, und ich schleife die Fetzen meiner Seele hinter mir her, versuche die Scherben wieder zusammenzusetzen. Ich bin nicht die Amber, die ich früher einmal war. Ich fliege unter dem Radar, versuche unsichtbar zu sein.

Es funktioniert nicht immer. Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, macht mir Angst. Es bringt immer nur Ärger mit sich. In meine Heimatstadt zurückzukehren, ist ein letzter verzweifelter Versuch, meine Dämonen zur Ruhe zu betten und neu zu beginnen. Dieses Mal wirklich. 

Jesse Lee zu treffen, gehörte nicht zum Plan. Und dennoch ist er hier, mit einem sexy Grinsen, das meinen Herzschlag aussetzen lässt, schön wie ein Gott und strahlend hell. Er ist voller Leben, voller Hitze, birgt die Energie von tausend Sonnen in seinem Blick und seinem muskulösen Körper. Jesse brennt, und in seiner Nähe zu sein, ist wie ein süßer Schmerz.

Aber er vereitelt meine Pläne. Es ist schwer, meine Schattenexistenz fortzusetzen, wenn er da ist. Schwer, seine Aufmerksamkeit zu meiden, unsichtbar zu bleiben. Er sieht mich, sieht mich wirklich, und hinter seinem hellen Glanz kann ich die Schatten seiner eigenen Vergangenheit lauern sehen. Er schwimmt verzweifelt, um sich über Wasser zu halten, selbst als er die Hand nach mir ausstreckt.

Wovor hat er Angst? Und wie kann er mich vorm Ertrinken retten, wenn er sich nicht einmal selbst retten kann?


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JESSE (Damage Control 2)

Jo Raven

Copyright © Jo Raven 2015

JESSE (Damage Control 2)

Jo Raven

Copyright © Jo Raven 2018


Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors in irgendeiner Form reproduziert, veröffentlicht oder weitergegeben werden, weder auf elektronische noch maschinelle Weise (Fotokopien, Aufnahmen oder jegliche andere Form der Informationsspeicherung und Datenabfrage miteingeschlossen). Die Charaktere und Ereignisse in diesem Buch sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit wahren Begebenheiten oder Personen, lebendig oder tot, ist rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.

Übersetzung: Carolin Beck



Ein guter Talisman ist einer, der dir gehört und den du aus freien Stücken einem anderen schenkst.

Der kostbarste Talisman von allen ist dein Herz.


Teil I

Du verdammte Idiotin!“ Nick rammt mich rücklings gegen die Schließfächer der Schule, wo alle uns sehen und hören können. „Wer hat mit sechzehn Jahren noch Probleme mit dem Lesen, huh? Nur du, dumme Schlampe. Du lässt die ganze Klasse so dumm aussehen wie du es bist. Du Stück Scheiße.“

Ich ducke mich und erschaudere. Die Worte hallen in meinen Ohren wider, rauben mir mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Es passiert nicht jetzt, es war vor mehr als drei Jahre, und dennoch ...

Dennoch zuckt die Erinnerung durch mich hindurch, prallt gegen meinen Schädel wie ein lebendiges Wesen, das versucht auszubrechen. Auch wenn ich Nicks Stimme nicht mehr gehört habe, seit meine Eltern beschlossen hatten, mich aus der Schule zu nehmen, wo sich solche Dinge abspielten, und mit mir wegzogen.

Ich kaue auf meiner Unterlippe, konzentriere mich auf den schwachen Schmerz. Ich kämpfe gegen die Erinnerung an, ringe sie nieder und schließe sie weg.

Ich bin in Ordnung. Das werde ich sein.

Ich habe durchaus daran gedacht, es zu beenden – der dunklen Masse in mir ein Ende zu bereiten. Dem Selbstzweifel, dem Gefühl, nichts wert zu sein.

Aber ich habe es bis hierhin geschafft. Ich bin am Leben. Mein Herz schlägt immer noch. Eine Stimme in meinem Kopf sagt mir, dass Nick falsch lag. Ich bin etwas wert. Immerhin bin ich hier und ich habe meine Kunst: meine Perlen und Fäden, um Schmuck anzufertigen. Schönheit zu erschaffen. Wenn auch sonst nichts, wenigstens habe ich das.

Und die traurigen Tage, die ruhigen Tage, sie rinnen durch meine Finger wie kühle Perlen. Ich fädle sie auf und hänge sie mir um den Hals, zähle sie, messe sie. Wiege sie.

Ich tue das, um mich selbst daran zu erinnern, dass ich überlebt habe. Den sinnlosen Hass und die Gewalt überlebt habe, die meine Alpträume bestimmen. Dass die Aneinanderreihung von Tagen, die mein Leben ausmachen, in meinen Händen liegen und dass es an mir liegt, glücklich zu sein.

Eines Tages werde ich das sein, irgendwie.

~ Amber


Kapitel 1

Amber

Die Rückkehr nach Madison, meiner Heimatstadt, fühlt sich so gut an wie ein Autounfall. Ja, so gut.

Hier zu sein, macht mir Angst, gibt mir das Gefühl unwichtig zu sein, wertlos … Und das Furchteinflößendste daran ist, dass mir das Gefühl vertraut ist. Ich habe geglaubt, dass ich in den letzten drei Jahren, die ich in Chicago verbracht habe, Fortschritte gemacht hätte. Dass ich stärker geworden wäre, selbstbewusster. Frei und glücklich.

Jetzt, da ich zurück bin, kommt es mir so vor, als hätte ich nichts vorzuweisen. Als wäre alles umsonst gewesen. Als wäre ich nie fort gewesen, und meine Vergangenheit schlingt ihre Tentakel um mich, saugt mir das Leben aus.

Um die Wahrheit zu sagen, wünsche ich mir jetzt, dass ich nie zurückgekommen wäre. Und der Grund für meine schlechte Entscheidung – der mich davon überzeugt hat, dass es eine fantastische Idee sei – steht an meiner Schulter und schneidet mir im Spiegel Grimassen.

„Ev ...“ Ich seufze. „Was machst du?“

Evangeline streckt mir die Zunge raus und verdreht ihre haselnussbraunen Augen. „Ich versuche nur, dich mal zum Lächeln zu bringen. Hey, ich glaube, es funktioniert!“

„Lass das.“ Meine Lippen zucken und meine Gedanken schweifen von ihren vertrauten Wanderwegen voller Zweifel und Furcht ab. Sie sieht gerade wirklich lächerlich aus, mit ihren kupferfarbenen Locken ganz zerzaust und den Zeigefingern, die ihre Mundwinkel nach oben schieben. „Ev!“

Sie lehnt sich kichernd an meine Schulter, was meine Bemühung, Mascara auf meine Wimpern aufzutragen, völlig ruiniert. Nicht dass ich das wirklich tun will. Aber anscheinend wird es eine Party geben, und ich bin die Gastgeberin.

Ev verlässt die Wohnung, die sie sich mit ihrer Freundin Kayla geteilt hat, und Kayla hat bereits zugestimmt, dass ich Evs Zimmer haben kann. Jetzt schmeißen die beiden eine Art Abschiedsparts für Ev – die nur in eine andere Nachbarschaft zieht und nicht auf einen anderen Kontinent – aber hey, wer braucht schon eine Ausrede, um zu feiern? Allein sich zu betrinken ist schon ein ausreichend guter Grund.

Und ich habe der Party zugestimmt, aber nur weil ich nicht will, dass meine neue Mitbewohnerin glaubt, ich sei zu verklemmt und seltsam. Ich bin gerade erst zurückgezogen, und das Zimmer ist günstig und nett. Ich sollte der Sache wenigstens eine Chance geben, richtig?

Richtig.

„Du wirst schon sehen, es wird spaßig werden“, meint Ev, die mit einer Fingerspitze glänzenden Lippenstift auf ihren Lippen verteilt.

Vielleicht trifft das bei ihr zu. Ich kenne Ev kaum noch. Wir sind früher zusammen zur Schule gegangen und waren die besten Freundinnen. Zumindest bevor ich nach Chicago weggerannt bin, um meine Wunden zu lecken.

„Seit wann bist du zu einem Partytier mutiert?“, grummele ich und beiße mir dann innen auf die Wange, um mich selbst zum Schweigen zu bringen, bevor ich noch etwas sage, dass ich bereuen könnte.

„Das bin ich nicht.“ Sie rückt ihren Ausschnitt zurecht, wobei sie einen Ansatz von blauer Spitze enthüllt. „Es ist meine Abschiedsparty.“

Ich starre sie an.

Sie sieht bildhübsch aus in ihrem kurzen lilafarbenen Kleid mit ausgestelltem Rock und den Ballerinas. Sie humpelt immer noch etwas wegen einem Unfall, von dem sie mir nicht erzählen mag. Es ist mehr als anderthalb Jahre her, aber sie kann immer noch keine hohen Schuhe tragen.

„Und Micah wird da sein“, murmle ich.

Ihr darauf folgendes Lächeln ist so strahlend hell, dass es mir in den Augen schmerzt – aber mir wird dabei auch warm ums Herz. „Ja.“

„Du bist glücklich mit ihm.“ Keine Frage. Sie antwortet trotzdem, mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen.

„Das bin ich.“

„Gut“, sage ich verdrießlich und ziehe den Anhänger an meiner Kette zurecht – es ist der letzte, den ich angefertigt habe, bevor ich herkam – und schnappe mir dann den Eyeliner wie eine Waffe. Ich schüttle ihn in ihre Richtung. „Er sollte dich besser gut behandeln, oder so wahr mir Gott helfe ...“

Sie legt mir eine Hand auf die Schulter und strahlt mich an. „Das tut er, Amber. Du musst dir um Micah absolut keine Sorgen machen.“

Aber das tue ich. Ich versuche, es hinter einem Lachen zu verbergen, aber Männer machen mir Sorgen. Menschen machen mir Sorgen. Ich verstehe sie nicht, weiß nicht, was sie antreibt, was sie die Dinge tun lässt, die sie tun. Gute Dinge, schlechte Dinge.

Hauptsächlich die schlechten Dinge.

Ev schüttelt den Kopf. Sie weiß in groben Zügen darüber Bescheid, was mir mit sechzehn zugestoßen ist, aber niemand kennt die ganze Wahrheit. Nicht einmal mein Vater, der mich für einen Neuanfang aus der Schule gerissen und gut einhundertvierzig Meilen wegtransportiert hat. Er wusste jedoch genug, um zu entscheiden, dass der Umzug notwendig war. Und das trifft auch auf Ev zu. Also besteht keine Notwendigkeit, an alten Narben zu kratzen und neuere Wunden zu öffnen, die ich am liebsten komplett vergessen würde.

Wenn ich das nur könnte.

Und was für einen Unterschied würde es schon machen? Meine Vergangenheit ist vergangen, auch wenn diese Stadt mit Erinnerungen durchtränkt ist.

„Du machst ja eine Sauerei. Lass mich mal.“ Ev nimmt meine Hand und ich zucke reflexartig zurück, bevor ich ihre Worte richtig verarbeitet habe.

Oh verdammt. Der Eyeliner fliegt durch die Luft und landet auf dem Boden. Wie in Zeitlupe kann ich sehen, wie die schwarze Flüssigkeit auf dem beigefarbenen Teppich ausläuft. Wie Blut, dunkel und dickflüssig.

Ich zittere. Mir ist kalt. Nach und nach kehren meine Sinne zurück, und mir wird bewusst, dass Ev mich weiterhin festhält.

Ich ziehe erneut an meiner Hand und plötzlich ist sie frei.

„Mist“, murmle ich. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren.

„Oh Gott, das tut mir leid“, wispert Ev. Sie lässt sich auf die Knie sinken und hebt das kleine Glasfläschchen auf, dann geht sie dazu über, die Farbe mit einem Taschentuch abzutupfen. „Das hätte ich nicht tun sollen.“

Sie hätte mich nicht so anfassen sollen. Ja, das stimmt, aber es ist nicht ihre Schuld, dass ich nicht normal bin, oder? Ich schätze, ich war mal ein Mädchen wie jedes andere – schüchtern, leicht pummelig, und immer am Kritzeln oder irgendetwas am Basteln, um meine unruhigen Hände zu beschäftigen.

Aber das liegt in der Vergangenheit – der Vergangenheit, die jetzt in mein Leben einsickert – und wir sind im Hier und Jetzt.

Also entschuldige ich mich, beharre darauf, dass ich unheimlich tollpatschig bin, und dass Ev mir mit meinem Make-up helfen sollte. Immerhin ist es nur wahr, dass ich nicht viel Erfahrung mit Eyeliner und Mascara habe.

Ev übernimmt die Aufgabe mit offensichtlicher Erleichterung, was mich wundern lässt, wie dumm ich mich angestellt habe. Ich sitze brav da, während sie solange mit der Bürste durch mein langes dunkles Haar fährt, bis es glänzend hinunterfällt, dann betont sie meine blauen Augen mit schwarzer und meine Lippen mit roter Farbe.

Es ist wie Kriegsbemalung, denke ich zusammenhanglos, während meine Hände sich in meinem Schoß verkrampfen. Ich ignoriere das Jucken in meinen Fingern, nach dem Lippenstift zu greifen und mir rote Linien auf Wangen und Nase zu malen.

Nicht, Amber.

Ich kann das. Kann so tun, als wäre ich normal. Als würde es mich nicht umbringen, zurück nach Madison zu kommen, die Vergangenheit nicht zu neuem Leben erwecken. Vielleicht, wenn ich lange genug so tue, wird es zur Wirklichkeit werden.

* * *

Evs ehemaliges Zimmer gehört nun offiziell mir. Ich habe mein Zeug heute Morgen dort verstaut und den Rest des Tages mit Putzen und den Vorbereitungen für die Party verbracht, vor der es mir graust.

Im letzten Moment beschließt Ev, dass wir noch Papierservietten brauchen und schickt mich mit dem Auftrag vor die Tür, welche zu besorgen. Ich bin mehr als dankbar für die Gelegenheit, eine Weile fliehen und allein herumlaufen zu können. Ich finde den kleinen Supermarkt, den sie erwähnt hat, und lasse mir beim Einkaufen sehr viel Zeit.

Zu meinem Entsetzen ist die Party bereits voll im Gang, als ich zurückkomme. Ev hat gemeint, es sollte nicht vor zehn Uhr anfangen, und ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich mich bereits um halb neun, mit den Servietten an die Brust gedrückt, an Scharen von Gästen vorbeischieben müsste, um zur Küche zu gelangen.

Ich hätte es besser wissen müssen. Ich meine, ich bin in Chicago gelegentlich ausgegangen. Es gab einige Studentenwohnungen, bei denen man zu jeder Zeit des Tages, an jedem Tag in der Woche vorbeigehen konnte und immer eine Party im Gange war. Kein Anfang und kein Ende.

Spaß … so was von nicht.

Laute Tanzmusik dringt aus den Lautsprechern, und ich frage mich, ob irgendjemand die Nachbarn vorgewarnt hat, dass Schlaf für sie heute Nacht in den Sternen stehen wird.

Ich verkneife mir ein Seufzen und lege die Servietten einfach irgendwo hin, von Ev ist weit und breit keine Spur zu sehen. Zurück im Wohnzimmer ziehe ich meinen Mantel aus und hänge ihn über die Rückenlehne eines Stuhles. Nervös mit meinem Anhänger spielend, halte ich nach vertrauten Gesichtern Ausschau.

Es müssen wenigstens zwanzig Leute sein, die sich in das winzige Wohnzimmer gezwängt haben, herumstehen oder auf dem Sofa und dem einen Sessel sitzen. Ein Mädchen sitzt auf dem Schoß von einem Kerl, mit dem sie sich eine Flasche Bier teilt und feucht herumknutscht. Eine seiner Hände liegt auf ihrem Hintern, und ich verziehe innerlich das Gesicht, während ich meine Suche fortsetze.

Mehr Leute lehnen beim Fenster an der Wand, unterhalten sich laut und schütten Bier in sich hinein, als wäre es Wasser. Ein Kerl mit einem blauen Irokesen nickt mir von seinem Sitzplatz auf dem Esstisch aus zu, ein Mädchen mit wilden Haaren sitzt zwischen seinen Beinen. Ein großer, muskulöser Typ mit blondem Haar und Tattoos, die seinen Hals hinaufwandern, steht neben ihnen. Er sieht mich mit gehobener Augenbraue an, und ich schenke ihnen ein schwaches Lächeln.

Ein dunkelhaariger Junge und ein Mädchen mit rotblondem Haar knutschen unbekümmert im Flur, und ich schiebe mich an ihnen vorbei, zupfe an dem Saum meines kurzen Kleides und fluche innerlich. Ein Hauch von Panik steigt schleichend in mir auf.

Es liegt an dieser Stadt, sage ich mir selbst, und nehme die Schultern zurück. Aber ich werde mich davon nicht runterziehen lassen.

Nichtsdestotrotz seufze ich erleichtert auf, als ich endlich Ev und Kayla entdecke, die sich an einer offen stehenden Tür unterhalten.

Micah ist bei ihnen – ich habe Fotos von ihm gesehen, die Ev mir gezeigt hat. Er ist groß und gut aussehend, sein blondes Haar fällt ihm in die blauen Augen, die jede von Evs Bewegungen aufmerksam beobachten. Ein sanftes Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Während ich zusehe, legt er einen Arm um sie und zieht sie an seine Seite. Sie lächelt auch zu ihm auf, und alles, was noch fehlt, sind auf sie herabregnende Rosenblätter und im Hintergrund spielende Geigen.

Wow, ich bin neunzehn Jahre alt und bereits eine Zynikerin. Klasse. Sie sehen glücklich zusammen aus. Ein fauler Apfel heißt nicht, dass die ganze Ernte verdorben ist. Nicht jeder Kerl ist wie Nick Harris. Nicht jeder Kerl ist ein fieser Tyrann.

Noch etwas, an das ich mich immer wieder erinnern muss.

„Hey, Amber.“ Ev schiebt Micah von sich, wirft ihre Arme um mich und zieht mich in ihre kleine Gruppe hinein. „Ich will, dass du alle kennenlernst.“

Also tue ich das, nicke und lächle brav.

Der Erste ist Micah, natürlich. Er weiß, wer ich bin, und scheint sich für den Umstand zu interessieren, dass ich mich mit Kunst beschäftige, was mich daran erinnert, dass er ein Tätowierer ist. Und wie cool ist das? Daumen hoch für Ev.

Dann, gerade als ich beginne, mich in dem Gespräch mit Micah über Tattoos, Narbenverzierungen und Schmuck als Möglichkeiten der Körpermodifizierung wohlzufühlen, zerrt sie mich weiter, damit ich andere Freunde und Kollegen von Micah kennenlerne.

Ist es nicht seltsam, dass sie es ist, die mich ihnen vorstellt, und nicht ihr Freund? Obwohl es scheint, dass sie auch zu guten Freunden von ihr geworden sind.

Was für ein Glück sie hat. Ernsthaft.

Der Kerl mit dem Irokesen ist Zane, der blonde Typ neben ihm heißt Dylan. Dann ist da noch Rafe, mit modisch geschnittenem goldenen Haar und katzenartigen Augen, dessen große Hand sicher um die schmalere seiner Freundin geschlungen ist. Das Mädchen heißt Megan und nachdem sie mir ein strahlendes Lächeln geschenkt hat, löst sie ihre Hand von der ihres Freundes – mit einiger Mühe, wie mir mit einem Funken Belustigung und etwas Unbehagen auffällt, da er nicht gewillt zu sein scheint, sie gehen zu lassen – und schlendert auf der Suche nach jemandem davon.

Als nächstes sind einige von Micahs engsten Freunden dran – der blauhaarige Ocean, auch ein Tätowierer, und Seth, der einer von drei Auszubildenden in ihrem Tattoostudio ist und abends in einem Kino in der Nähe arbeitet.

Evs Stimme verschmilzt mit den Hintergrundgeräuschen, als ich den Anblick der Jungs in mich aufnehme. Gott … Oceans Haar hat den Farbton seiner Augen, und Seth ist ganz dunkle exotische Augen und breite Wangenknochen, leichte Bartstoppeln bedecken seinen Kiefer, und … heilige Scheiße. Heißer Junge Reizüberflutung. Ich hoffe, ich sabbere nicht. Ich taste meinen Mund ab, um sicherzugehen, dass er nicht offensteht, und finde Seths Blick auf mir liegen.

Er nickt mir lächelnd zu, versucht wahrscheinlich ein Lachen zu unterdrücken, nachdem er mich auf frischer Tat dabei erwischt hat, wie ich mir diskret das Kinn abwische.

Mist!

„Du bist also die Freundin, die Ev erwähnt hat“, sagt er. „Jede Freundin von Ev ist eine Freundin von mir. Dasselbe gilt auch für meinen launischen Cousin Shane, falls du ihn zufällig in irgendeiner Zimmerecke entdecken solltest. Er ist der Langhaarige, Missmutige in unserer Familie.“ Seths Augen werfen Lachfalten. Seine Zähne sind weiß und leicht schief, ein Schneidezahn ist abgesplittert, bemerke ich. Süß. „Wir beide verdanken Ev eine Menge.“

Ev und Seth wechseln einen Blick, den ich nicht deuten kann. In diesem Blick liegt eine gemeinsame Vergangenheit. Eine Vergangenheit, von der ich keine Ahnung habe – aber was soll’s. Irgendwie mag ich diesen Kerl. Seine Zuneigung für Ev scheint durch seine Augen hindurch, und sein Lächeln ist freundlich.

Die schwarzen Stecker und Silberstangen, die in seinen Ohren schimmern, sind auch interessant. Ebenso die Tattoos, die auf seinem Hals und den Armen zu sehen sind. Ein cooler Typ.

Dann dreht er sich zu Ocean, um ihm etwas zu sagen, und mir fällt die Steifheit in seinen Bewegungen auf. Das erinnert mich an etwas, was Ev erwähnt hat. Dass einer von Micahs Freunden von ihrem verrückten Ex zusammengeschlagen wurde. Ich frage mich, ob das Seth war. Er hat eine pinkfarbene Narbe an seinem Kiefer, jetzt, wo ich näher hinsehe, und seine Nase ist etwas krumm, als wäre sie mal gebrochen gewesen.

Bevor ich einen besseren Blick auf seine Tattoos bekommen oder Ev nach ihm fragen kann, zieht sie mich schon weiter.

„Ich will dich Cassie vorstellen“, sagt sie. Cassie stellt sich als ein märchenhaft schönes Mädchen heraus, mit dem Ev früher in einem Sportgeschäft in der Stadt gearbeitet hat. Cassie ist mit ihrer besten Freundin hier, einer langbeinigen Brünetten mit den umwerfendsten langen dunklen Wimpern, die ich je gesehen habe. Meine Güte, sieht hier jeder so gut aus wie ein Model? Ich beginne, mich wie das hässliche Entlein zu fühlen.

Sie lachen beide höflich – zwei Porzellanpuppen, eine mit heller Haut die andere dunkel. Sie fragen, ob ich zuvor schon mal in Madison gewesen bin, und wie es mir hier gefällt ...

Und als sie sich schließlich abwenden, um mit jemand anderem zu reden, hat sich das Wohnzimmer in den reinsten Porno verwandelt.

Oder jedenfalls so, wie ich mir einen Porno vorstelle.

Ineinander verschlungene Körper auf dem Sofa. Ineinander verschlungene Körper an der Wand. Körper, die sich in den Zimmerecken rhythmisch aneinander reiben, was einige Ausnahmen übriglässt, die sich unsicher in der Mitte des Zimmers zur Musik hin und her wiegen.

Scheiße.

Aber Ev zuckt bei dem ganzen Chaos nicht einmal mit der Wimper. Sie zieht mich direkt darauf zu, an einem Dreier auf dem Couchtisch vorbei, und geht unbeirrt weiter.

„Also, wenn Micah und du zusammenzieht, mit wem zieht Seth dann zusammen?“, frage ich, während sie mich mitschleift.

„Mit niemandem. Er bekommt einen neuen Mitbewohner.“ Sie bleibt stehen, schaut sich um. „Mann, ich kann Jesse nicht sehen, aber dort ist Shane. Lass uns mal Hallo sagen. Lass dich von ihm nicht einschüchtern. Er ist vom Typ groß, dunkel und schweigsam.“

Sie hakt sich bei mir unter und zieht mich durchs Wohnzimmer, als wäre die Porno-Szene, die sich um uns herum entfaltet, vollkommen normal.

Vielleicht ist es das, und die heiße, dunkle Strömung, die unter meiner Haut brodelt und durch mein Innerstes pocht, bereitet nur mir mit jeder weiteren Minute mehr Unbehagen. Ich komme mir wie eine Spannerin vor, und es lässt in mir den Wunsch nach etwas aufkommen, das ich mich nicht mehr traue zu verfolgen.

Wie traurig ist das?

„Hey, Shane“, trällert Ev. „Freut mich, dass du es geschafft hast.“

Shane betrachtet uns mit schief gelegtem Kopf. Sein Haar ist lang und von einem glänzenden Schwarz, zurückgebunden zu einem Pferdeschwanz. Ein silberner Traumfänger hängt in einem seiner Ohren, und wenn überhaupt, sieht er sogar noch exotischer aus als Seth, mit seinen mandelförmigen dunklen Augen und der gebräunten Haut.

„Micah hat Bier versprochen“, sagt er mit einer Stimme so durchdringend tief wie ein Paukenschlag, bei der sich eine Gänsehaut über meine Arme zieht. Er hebt zum Beweis seine Bierflasche. „Wie könnte ich da Nein sagen?“

„Sicher. Natürlich.“ Ev schüttelt den Kopf und verdreht die Augen. „Hast du Jesse gesehen? Ich kann ihn nirgendwo finden, und ich dachte, er wollte mit dir kommen.“

Er nimmt einen Schluck von seiner Flasche und runzelt dann wie in Gedanken versunken die Stirn. „Weiber.“

„Wie war das?“

Shane schwenkt seine Flasche in Richtung der schwitzenden, sich windenden Körper. „Es gibt ziemlich viele Weiber hier. Er muss sich eine von ihnen geschnappt haben.“

Ich starre ihn an. Redet er ernsthaft von Mädchen, als wären sie Fische an einer Angel?

„Ich verstehe. Dann wünsche ich dir noch viel Spaß.“ Ev zerrt mich davon, während ich gerade versuche, Shanes Miene zu entschlüsseln, nach einem Funken Humor in seinen Augen suche, aber sein Gesicht ist unbeweglich, wie in Stein gemeißelt.

„Ist er immer so wortgewandt und unterhaltsam?“

„Immer.“ Ev kichert und kreischt dann: „Joey! Oh mein Gott, du hast es geschafft. Hier drüben!“

Und dann lässt sie mich zwischen einem Pärchen stehen, das an der Wand rummacht, und einem anderen auf dem Sofa.

Sie lässt mich stehen, um sich stattdessen auf einen heißen Typen mit dunklem Haar und strahlenden Augen zu werfen.

Was zur Hölle?

Er lacht und erwidert die Umarmung.

„Evie, du Spatzenhirn“, höre ich ihn sagen, als ich mich ihnen nähere. Er zieht sich zurück und wuschelt ihr durchs Haar. „Du siehst echt hübsch aus, du Plagegeist. Sieh dich nur an, so rausgeputzt. Was geht ab?“

Okay, wer ist dieser Kerl, und was geht hier vor sich? Ich sehe mich nach Micah um, rechne schon damit, dass er diesem Arschloch einen rechten Haken verpassen wird, aber der Micah, der auf uns zukommt, grinst von einem Ohr zum anderen.

„Joel, Alter, wie geht‘s?“ Micah und dieser Joel schütteln Hände und schlagen einander auf den Rücken. „Bist du allein hier?“

„Ja.“

„Ellen konnte nicht kommen?“ Ev blinzelt unschuldig zu Joel auf, ihre Augen etwas zu weit aufgerissen.

„Nein.“

„Du hast sie gar nicht gefragt, oder? Sei ehrlich.“

Er schaut finster drein und ich denke ernsthaft darüber nach, auf dem Absatz kehrt zu machen und nach einem Bier zu suchen, weil ich keine Ahnung habe, was hier vor sich geht und worüber sie reden.

„Amber.“ Ev ruft mich zurück, bevor ich zwei Schritte weit gekommen bin. „Das ist mein Bruder, Joey.“

Blinzelnd – mir etwas dämlich vorkommend und sehr genervt von mir selbst, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin – bemühe ich mich, Evs attraktiven Bruder anzugrinsen und ihm zu versichern, dass es mich freut, ihn kennenzulernen.

Sie sehen sich nicht sehr ähnlich, und du lieber Himmel, was bin ich froh, dass ich vorhin den Mund gehalten habe. So froh, dass ich nicht sofort gedacht habe, er würde Ev beleidigen und nicht versucht habe, ihm in die Eier zu treten oder sein schönes Gesicht zu ohrfeigen.

Mist.

Eine Ausrede stammelnd, mache ich einen Abgang und begebe mich auf die Suche nach einem Bier. Ich würde gehen, aber das ist jetzt meine Wohnung. Ich kann nirgendwohin fliehen und mich verstecken.

Also bleibt nur das Bier. Oder Wein, oder was für einen Stoßdämpfer ich auch zwischen mich selbst und der realen Welt schalten kann. Eine Tür mit Schloss wäre mir allerdings lieber gewesen.

Und warum zur Hölle nicht? Das hier ist meine Wohnung, mein Schlafzimmer. Wenn ich mich selbst dort drinnen einsperren will, wenn ich ungesellig und distanziert sein will, dann ist das mein gutes Recht, oder nicht?

Eigentlich bin ich gerade auf dem Weg dahin, die Anziehungskraft von Frieden und Stille ist zu stark, um ihr zu widerstehen – als mir die Badezimmertür ins Gesicht springt und mich nur knapp verfehlt. Ich zucke zurück, und die Tür schlägt gegen die Wand, dann kommt jemand in den dämmrigen Flur hinausgestolpert.

Ich weiche zurück, aber der Flur ist nur einen Meter breit, wenn es hochkommt, und der Kerl, denn es ist ein Kerl, ist groß und hat breite Schultern. Er beugt sich zu mir, seine Lippen heben sich zu einem schamlosen Grinsen. Träge. Sexy. Wunderschön.

Gefährlich.

„Was haben wir denn hier?“, wispert er. Seine halb gesenkten Augen, die sich gegen seine gebräunte Haut abheben, leuchten in dem Lichtstrahl, der durch die offene Badezimmertür hereinfällt, in einem atemberaubenden Blaugrün. „Ein Mädchen.“

Heilige Scheiße.

Meine Kehle blockiert. Meine Lippen bewegen sich, aber es kommt kein Laut hinaus. Das könnte daran liegen, dass er sich in just diesem Moment aufrichtet, und ich endlich bemerke, dass er halbnackt ist, den perfektesten Waschbrettbauch zur Schau stellt, den ich außerhalb von Zeitschriften gesehen habe.

Silberringe schmücken seine kleinen braunen Brustwarzen. Schwarze Linien und bunte Formen schlingen sich um seinen muskulösen Bizeps und die sehnigen Unterarme. Tattoos, wird mir verspätet klar, die sich über seine glatte Haut spannen. Ein verschlissenes Lederarmband umfängt sein starkes Handgelenk.

Ich kann nicht atmen. Oh, Gott. Es ist, als hätte jemand all den Sauerstoff aus dem Raum gesaugt.

Sich seiner Wirkung nicht bewusst, lehnt er sich gegen den Türpfosten und verschränkt die Arme vor der Brust. „Weißt du was? Du erinnerst mich an jemanden. Kennen wir uns von irgendwoher?“

Von all den Anmachsprüchen … Nicht dass ich etwas darauf erwidern könnte. Nicht, wenn er mich mit aufblitzendem Interesse in den Augen ansieht.

„Wie heißt du?“, fragt er. Als ich nicht antworte, verengen sich diese umwerfenden Augen, und ich denke vage, dass sie der Untergang vieler Mädchen gewesen sein müssen. Dann klopft er sich mit der Faust gegen die Brust und sagt langsam: „Jesse.“ Dann zeigt er mit gehobener Augenbraue auf mich. „Jane?“

Ein erstickter Laut entkommt meiner Kehle. Ist das sein Ernst?

„Du bist betrunken“, sage ich atemlos. Und warum zur Hölle bin ich atemlos? Nur weil dieser Kerl zu gut aussieht, um real zu sein, bedeutet das nicht, dass ich ihm hinterherhecheln werde, wie, wie ...

„Jesse?“ Eine Frau erscheint in der Badezimmertür, direkt hinter ihm, und rückt die Träger ihrer Bluse zurecht. „Komm wieder rein und bringe zu Ende, was du angefangen hast.“

„Ich bin fertig“, murmelt er, ohne seinen Blick von mir abzuwenden.

Mein Gesicht verwandelt sich zu Stein. Ihm hinterherzuhecheln wie diese Frau. Wie eine läufige Hündin. Nicht in diesem Leben.

„Wir waren noch nicht fertig.“ Sie schlingt ihre Arme um ihn, und mir fällt auf, dass sie Shorts trägt, die kaum mehr als ein glorifizierter Slip sind, und dass ihr Ausschnitt so tief sitzt, dass mir ihre Nippel förmlich zuzwinkern. Ihr blondes Haar ist zerzaust, ihr Lippenstift verschmiert.

Da hol mich doch der Teufel.

„Doch, das waren wir“, widerspricht er, seine Stimme so tief und rau, dass sich die feinen Härchen an meinen Armen aufstellen. „Sehr, sehr fertig, Natasha.“

„Ich heiße Veronica“, murmelt sie und stößt sich von ihm ab, funkelt seinen Rücken finster an. „Arschloch.“

„Was auch immer.“ Er winkt mit einer Hand ab, sein Blick liegt immer noch auf mir.

Er ist ein Arsch. Der schönste Mann, der mir je unter die Augen gekommen ist, und er ist ein arroganter Vollidiot.

War ja klar.

Vielleicht sind all die gut aussehenden Kerle so. Gott weiß, Nick sah auch gut aus, und er war im Inneren ein Monster. Je strahlender die Verpackung, desto schmutziger ist die Seele, wie es scheint.

Ich trete von diesem Jesse und dem verärgerten Mädchen weg, das er offensichtlich gerade gevögelt und gleich wieder vergessen hat, und wende mich zum Gehen.

Bei meinem Pech ist es nicht verwunderlich, dass Ev sich mir genau in diesem Moment in den Weg stellt und breit lächelnd mit einem Finger auf Mr. Schönling zeigt.

„Jesse Lee. Wie ich sehe, habt ihr euch bereits kennengelernt. Er ist der dritte Auszubildende im Tattoostudio.“

Jepp, es ist absolut kein Wunder, dass das Arschloch, dem ich nie wieder begegnen will, einer der besten Freunde und der Arbeitskollege vom festen Freund meiner einzigen Freundin ist. Was bedeutet, dass ich ihm wahrscheinlich ständig über den Weg laufen werde.

Super. Und ich bin gerade erst nach Madison zurückgekommen.

* * *

Laut Ev ist Jesse Lee ein guter Kerl und ein verdammt guter Freund. Als ihr Psycho-Ex erst Seth und dann Micah angriff, sie schlimm zusammenschlug, hielt Jesse an Seths Krankenhausbett Wache und bot ihm an, den Bastard ausfindig zu machen und zum Polizeirevier zu schleifen. Nachdem er ihm die Fresse poliert hätte.

Klingt gewalttätig. Aber auch fair.

Zu sehen, wie er mit den anderen spricht, seine Bierflasche in der Luft herumschwenkt, diese umwerfenden Augen, die Lachfalten bilden, wenn er grinst, das alles macht süchtig. Die Art, wie sich seine Lippen heben, das Spiel der Muskeln in seinen Armen bei jeder seiner Bewegungen, die Art, wie sich sein grünes T-Shirt über seine perfekt definierte Brust dehnt …

Zu schade, dass ich keinen Männern hinterschmachte. Ich renne ihnen nicht hinterher. Ich brauche sie nicht. Man kann ihnen nicht trauen. Wie den wenigsten anderen Menschen.

Ich zwinge meine Aufmerksamkeit mühsam zurück zu der Geschichte, die Micah uns gerade erzählt, über einen Kunden, der ins Tattoostudio gelaufen kam – Damage Control ist der Name des Geschäfts, und wenn das mal kein komischer Name ist – der zunächst meinte, er bräuchte sich nicht hinsetzen, und dann ohnmächtig umfiel, als er die Nadel einer Tätowiermaschine sah. Bevor sie ihn überhaut berührt hatte.

„Was für ein verfluchtes Chaos.“ Micah verdreht die Augen. „Ich habe diesen Kerl vor mir auf dem Boden liegen, und Kunden spähen in die Kabine rein, mit ganz blassem Gesicht und so, bereit die Flucht zu ergreifen, bevor ich sie auch noch in die Finger kriegen könnte. Zane musste sich selbst im Badezimmer einschließen, weil er nicht aufhören konnte zu lachen. Und Tyler fiel die Aufgabe zu, den Ausgang zu blockieren und alle zu beruhigen.“

Kayla, meine neue Mitbewohnerin, wirft ihren Kopf mit den blonden Highlights zurück und lacht. Der Klang hat einen nervösen Unterton an sich, und sie schaut immer wieder in Jesses Richtung. Ich frage mich, ob er der Grund ist, dass sie so aufgedreht ist und ihre funkelnden Ohrringe und langen Beine zur Schau stellt, oder ob sie immer so ist.

Ich bin mir nicht sicher, was davon schlimmer wäre.

Als ich mich Ev zuwende, die die Geschichte erzählt, wie sie Micah an einem Wintertag auf der Straße gefunden hat, sehe ich aus den Augenwinkeln, dass Jesse von dem blauhaarigen Kerl, mit dem er geredet hat, Ocean, zu einer anderen vollbusigen Blondine gewechselt ist. Er lehnt sich zu ihr, mit einer Hand an der Wand neben ihrem Kopf abgestützt. Sein dunkler Haarschopf senkt sich näher zu ihr.

Sie sagt etwas, dass Jesse zum Lachen bringt, und aus irgendeinem Grund dreht er sich um und sieht mich direkt an. Gefangen im strahlenden Blick seiner Augen, kämpfe ich gegen eine aufsteigende Panikwelle an.

Reden sie über mich? Lachen sie über mich?

Alte Ängste eilen auf flatternden schwarzen Flügeln zu mir zurück, und ich weiche einen Schritt zurück, mein Atem gefriert in meiner Lunge. Ich habe das Gefühl, als würden sich alle Augenpaare auf mich richten. Jedes Lächeln verzerrt sich zu einem spöttischen Grinsen, überall lauern boshafte Grimassen.

Mir kommt es vor, als würden mich grobe Hände schubsen, Schultern gegen mich rempeln, und ich bin zurück in der Schule, mit Stimmen, die mich verspotten, mich eine Idiotin nennen, eine blöde Kuh, oder zurückgeblieben, weil ich Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hatte. Nick, der Anführer der Mobber-Clique, nannte mich eine hässliche, dämliche Schlampe.

Verdammt. Wenn ich nicht sofort von hier verschwinde, werde ich noch durchdrehen, mich zu einer Kugel zusammenrollen und losflennen. Nichts, was ich vor anderen tun will, ganz besonders nicht während einer Party, an meinem ersten Abend in der Stadt.

Also wirble ich herum und schiebe mich an Micah vorbei, stolpere durch die Masse von sich aneinander pressenden Körpern und versuche einen Weg hinaus zu finden.

Es ist dieser Ort, sage ich mir selbst wieder einmal, während ich gegen verschwitzte Rücken drücke und mich an Pärchen vorbeiquetsche, um die Tür zu erreichen. Er beherbergt meine Ängste, hat sie für alle Ewigkeit kristallisiert. Deswegen bin ich so durch den Wind, fühle mich unwohl in meiner Haut. Er ist wie eine Zeitkapsel, unberührt von dem Verstreichen der Jahre, hält mich weiterhin gefangen, während die Erde sich draußen weiterdreht und die Welt sich verändert.

Indem ich hierherkam, habe ich einen Schritt zurück gemacht, direkt in meine Vergangenheit. Ich bin nicht mehr in der Schule, kein Teenager mehr, ohne Selbstvertrauen, unsicher, was mein Aussehen angeht, meinen Wert als Mensch. Ich weiß jetzt, wie Mobbing funktioniert, und ich weiß, dass es nicht das hier ist. Alles ist okay. Ich bin okay.

Es ist vorbei, es liegt in der Vergangenheit, und das hier ist die Gegenwart.

Das hilft nicht wirklich gegen den eisigen Knoten der Furcht in meinem Magen, oder den Schweiß, der mir am Rücken hinunterläuft. Mein Herz pocht in meiner Kehle, was das Schlucken schwer macht, und mein Mund ist so trocken wie die Wüste.

Ich erreiche endlich die Wohnungstür, reiße sie auf und trete hinaus, ins Treppenhaus. Es ist kühler hier, und stiller, sobald ich die Tür halb hinter mir geschlossen habe. Wir sind auf der zweiten Etage. Auf einer Seite gibt es ein schmales Fenster, das ich aufmache. Gierig sauge ich die kalte Nachtluft ein, die durchzogen ist mit Autoabgasen und dem öligen Geruch von Burgern und Pommes.

Ich atme tief durch, schließe die Augen und konzentriere mich auf mein Gleichgewicht. Ich spüre mein Gewicht auf dem Boden, lasse meine Schultern zurückfallen, strecke meinen Rücken durch.

Mein Anhänger hängt schwer um meinen Hals. Ich berühre ihn, fühle seine glatten Umrisse, die kleinen Glasperlen, auf Kupferdraht gefädelt, der Spiralen und Dreiecke formt. Es ist eine weiße Rose, das Symbol für Neuanfänge.

Alles wird gut werden. Ich habe meine Kunst, um mich bei Verstand zu halten. Und auch wenn man sich in der Vergangenheit über mich lustig gemacht hat, wenn ich daran gearbeitet habe, werde ich mich jetzt von niemandem mehr verspotten lassen. Das ist meine Stadt. Sie wurde mir weggenommen. Ich wurde vertrieben, fühlte mich wie eine Versagerin.

Aber ich bin zurück, bin hier, um neue Erinnerungen zu schaffen, meinen Ort in der Welt zu finden. Ich lasse es auf keinen Fall zu, dass ein Mann, ganz egal wie umwerfend gut er auch aussieht, mich an mir selbst zweifeln und mich selbst hassen lässt. Wie ich es früher getan habe, vor nicht allzu langer Zeit.

Ich habe einen Plan, einen Weg, der mich zu meiner Zukunft führt, und niemand kann mich davon abbringen.


Kapitel 2

Jesse

Das blonde Mädel zieht an meiner Hand, versucht mich näher zu sich zu ziehen, während sie davon plappert, dass sie mein bestes Stück mit Kirschen dekorieren und ein Foto davon machen will, um es in ihrer Kunstklasse auszustellen. Ich habe noch nie in meinem Leben so etwas Dummes gehört.

Aber hey, es ist ihre Klasse, was kümmert mich das? Ich lache, der Alkohol macht alles für eine Weile einfacher, und ich recke meinen Hals, um zu sehen, wohin die Brünette gegangen ist, die Ev mir als Amber vorgestellt hat. Ich schwöre, vor einer Sekunde habe ich sie noch gesehen, und in der nächsten war sie verschwunden.

Puff. Und weg ist sie.

Verdammt, bilde ich mir schon Dinge ein? Meine Alkohol-Halluzinationen handeln normalerweise nicht von hübschen Mädchen mit großen Augen, die mich finster anstarren und sich dann in Luft auflösen.

Das ist neu, und irgendwie aufregend. Weil es neu ist, du Depp, sage ich mir selbst, aber das ist nicht alles. Das Mädchen … Sie erinnert mich an jemanden, und das wirkt eine seltsame Anziehungskraft auf mich aus, wie eine alte, halb verblasste Erinnerung, der ich hinterherjagen muss.

Also tue ich genau das, schiebe die Hände der anhänglichen Blondine von mir, ignoriere ihre weinerliche Stimme, die mich fragt, was nicht stimmt und wo ich hinwill, und folge einem gewissen dunkelhaarigen Traumfragment.

Seth legt eine Hand auf meinen Arm und sagt etwas, als ich an ihm vorbeigehe, aber seine Worte gehen in der Musik unter, die aus der Stereoanlage dröhnt. Ein weiteres vertrautes Gesicht taucht vor mir auf – Dylan, informiert mich mein Gehirn, ein Freund von Zane – und ich trete an ihm vorbei, bin so auf meine unklare Mission konzentriert, dass ich beinahe eine andere Blondine umrenne.

„Jesse, trinkst du was mit mir?“ Sie sieht mich hoffnungsvoll an, und verdammt, es ist das Mädchen, dass mir im Badezimmer einen geblasen hat. Ich erinnere mich, wie sie Tequila über meinen Schwanz gegossen und an ihm gesaugt hat, als wäre sie am Verdursten.

Traurigerweise ist das alles, woran ich mich erinnere – keinen Namen, oder sonst etwas über sie. Sie umfängt mich von hinten, greift nach dem Saum meines T-Shirts, und ich fluche laut, versuche sie abzuschütteln. Sie ist stark, hält mich fest, und ich frage mich, was sie glaubt, dass passieren wird, wenn sie mich nicht loslässt, und wie viel betrunkener als ich sie ist – als uns zum Glück jemand anrempelt, und sie gezwungen ist, mich loszulassen.

Freiheit.

Gegen die Masse verschwommener Leute rempelnd, die tanzen und sich im Zimmer bewegen, eile ich davon, nicht sicher wohin. Warum zur Hölle verfolge ich überhaupt diese Brünette? Ich kann mich nicht erinnern.

Das Zimmer verschwimmt irgendwie und ich blinzle, um meine Sicht zu klären. Whoa. Tequila Shots sind heftig, besonders auf leeren Magen. Vielleicht sollte ich lieber in die Küche gehen, sehen, ob ich etwas Essbares aufreiben kann. Ich könnte wetten, dass ich irgendwann heute Tortilla Chips und Dips gesehen habe, bevor ich von den ganzen Mädchen auf der Party abgelenkt wurde.

Mädchen.

Die Brünette.

Wo ist sie hingegangen? Und warum zur Hölle suche ich immer noch nach ihr? Mein Magen grummelt gefährlich. Verdammt, ich brauche frische Luft.

Es war der Ausdruck auf ihrem Gesicht, denke ich vage, während ich zur Eingangstür stolpere, die halb geöffnet zu sein scheint. Als die Blondine und ich über die Vorstellung meines mit Kirschen dekorierten Schwanzes gelacht haben, zog sich ein Anflug von Panik über das Gesicht des Mädchens. Ihre Augen hatten sich vor Furcht geweitet.

Warum sollte Gelächter ihr Angst machen? Ah, ein Rätsel. Eine Frage, zur der ich die Antwort wissen will. Ein Spiel.

Mit Spielchen kenne ich mich aus. Vor mich hin schnaubend, schiebe ich die Tür auf und stolpere nach draußen, ins Treppenhaus hinaus. Und das Gefühl von Déjà-vu verweilt, wie ein Jucken unter meiner Haut.

Besonders, als ich sie dort stehen sehe, mit ihrem Rücken zu mir gewandt, wie sie an einem schmalen Fensterrahmen lehnt. Die Nacht draußen wird von dem Neonlicht eines riesigen Schildes erhellt, das auf dem Dach einer Kneipe nebenan steht. Es hüllt ihr Gesicht in ein gespenstisches Blau. Der Blick ihrer Augen zuckt zu mir, als der Lärm der Party hinaussickert, und ihre Stirn legt sich in Falten.

Gott, sie ist so verdammt hübsch, mit ihrem dunklen Haar und der blassen Haut, große blaue Augen und weiche Lippen – und Mann, diese Kurven … Das Mädchen hat Kurven zum Niederknien.

Ich ziehe die Tür hinter mir zu, bleibe einen Moment lang stehen, und gehe dann zu ihr. Sie sieht bei meinem Anblick nicht allzu erfreut aus. Besser gesagt, sie sieht alles andere als erfreut aus. Unter ihrem bitterbösen Blick muss ich mich darum bemühen, nicht zusammenzuzucken.

„Hier bist du also“, sage ich und halte meinen Tonfall unbekümmert. „Warum bist du weggerannt?“

Ihre Lippen schürzen sich, und verflucht, wenn das nicht mal ein hübscher Mund in einem noch hübscheren Gesicht ist. „Wovor soll ich weggerannt sein?“

„Vor mir.“ Ich wackle mit den Augenbrauen. „Ich weiß, dass ich einschüchternd aussehe.“ Wackel, wackel. „Aber ich beiße nicht, außer ich werde darum gebeten.“

Sie stöhnt. „Gott. Wenn du nichts Bestimmtes willst, könntest du einfach den Mund halten?“

Autsch. Sie meint nicht, was sie gesagt hat. Nee. „Ich will deinen Namen wissen.“

„Ich heiße Amber.“

Siehst du? „Hi, Embers.“

Sie wirf mir einen Blick zu, der die Hölle gefrieren lassen könnte, und wiederholt ihren Namen langsam, betont jede einzelne Silbe. „Am-ber.“

Das habe ich wohl verdient. Aber ein Punkt für mich. Definitiv ein kleiner Sieg. Ich bin ihr unter die Haut gegangen. „Es ist nur ein Kosename.“

„Ich brauche keinen Kosenamen“, fährt sie mich an. „Mein Name ist gut so, wie er ist, und du kannst mich mit ihm ansprechen.“

Whoa. „Also ...“ Ich räuspere mich, versuche die Situation zu retten. „Nette Party, huh?“

„Die Party ist unter aller Sau. So wie du.“

„Das bin ich nicht. Auch wenn es vorhin im Badezimmer definitiv versaut zugegangen ist.“ Ich grinse, zeige ihr all meine Zähne. Ich spiele mit meinem Lederarmband und warte auf ihre Reaktion.

Sie enttäuscht nicht, schnalzt angewidert mit der Zunge. „Gibt es nicht irgendeinen anderen Ort, wo du sein musst?“ Ihre Hand hebt sich zu dem Anhänger an ihrer Halskette, ein interessantes Geflecht aus Draht und weißen Perlen, in der Form einer Rose. Er fängt das Licht vom Fenster ein.

„Nee. Niemand sucht nach mir. Du kannst mich noch etwas länger haben.“

„Ich will dich nicht haben. Geh weg.“

Verdammt. Sie ist eine harte Nuss. Dazu kommt erschwerend, dass sie mich vorhin noch angesehen hat, als wäre ich Nachtisch, und jetzt sieht sie mich an, als wäre ich Hundekacke unter ihrem Schuh.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich ihr irgendwie auf den Schlips getreten bin. Aber wen wundert’s? Ich gehe Leuten auf den Zeiger. Deshalb behalten sie mich nicht lange in ihrer Nähe.

Siehst du, Helen? Ich hab’s dir gesagt.

Weiterhin lächelnd, lehne ich mich an die andere Seite des Fensters und inhaliere die kühle Nachtluft. Ich krame in meiner Tasche nach einer Packung Zigaretten und meinem Feuerzeug. Ich fühle mich unerklärlich nervös, was mir auf die Nerven geht. Was habe ich für einen Grund, nervös zu sein?

Soll sie mich doch finster anfunkeln. Ich bin immun gegen die Meinungen, die andere über mich haben.

Ich ziehe eine Zigarette raus und stecke sie mir in den Mund, dann hebe ich das Feuerzeug und atme meinen ersten Lungenzug von dem giftigen Rauch ein, grinse erneut, als sie ihren Blick abwendet.

Ah. Treffer.

Es ist seltsam befriedigend, die Leute noch mehr gegen mich aufzubringen, als sie es eh schon sind. Ich schätze, es berührt einen dunklen Ort in mir, wo mein Zorn auf die Welt vor sich hin brodelt – wegen ihrer Engstirnigkeit, ihrer Hässlichkeit, ihrer Ungerechtigkeit.

Was habe ich überhaupt getan, das sie angepisst hat? Warum ist ihre schlechte Laune meine Schuld? Zum Teufel mit der Zicke.

Aber ich kann es nicht lassen, sie durch den Rauch hindurch zu beobachten, den ich zwischen leicht geöffneten Lippen ausstoße. Sie hat sich nicht bewegt, trotz ihrer offensichtlichen Verärgerung über mich. Ihr langes dunkles Haar schimmert wie Seide. Das grelle Licht hebt ihre nach oben gewandte Nase und glatten Wangen hervor, die langen dunklen Wimpern umrahmen helle Augen.

Ihr kurzes Kleid funkelt, silberne Fäden, die in einen dunklen blauen Stoff eingewoben sind, reflektieren das Neonlicht von draußen. Ihr Hintern ist perfekt herzförmig, ihre Brüste schwer, und ihre Beine sind lang und schlank. Für eine Sekunde frage ich mich, wie sie nackt unter mir aussehen würde, mit ihren langen Beinen um meine Taille geschlungen.

Verdammt. Ich sauge den Rauch ein und ersticke fast daran, als das mentale Bild in meinem Kopf Gestalt annimmt. „Scheiße.“ Ich krümme mich hustend nach vorne.

Sie schnaubt abfällig. Ich hätte gedacht, sie würde es amüsant finden, wenn ich mich zu Tode huste, aber selbst im Todeskampf kann ich dieses Mädchen nicht einmal zu einem schwachen Lächeln bringen.

„Also ...“ Ich schaffe es endlich, Luft zu bekommen. „Ich habe gehört, dass du hier eingezogen bist, mit Kayla. Das macht es praktisch zu deiner Party.“

„Das ist nicht meine Party. Es ist die von Ev und Kayla.“

Huh. So kann man es auch sehen. „Kennst du sie schon lange?“

Sie verspannt sich, und ich habe keine Ahnung wieso. „Ich habe Kayla erst heute kennengelernt. Ev kenne ich jedoch schon seit einer Weile.“

„Aber du kommst hier aus der Gegend, oder?“

„Was soll das Verhör?“ Ihr finsterer Blick ist wieder mit voller Macht zurückgekehrt, und ich blinzle.

Was ist los mit dir?, will ich fragen, halte mich aber zurück.

„Ich habe nur Konversation betrieben“, murmle ich und drücke die Zigarette auf der Fensterbank aus. „Mach dir nicht ins Höschen.“

Sie schaut zu mir und öffnet schon den Mund, schließt ihn dann aber wieder ruckartig, als die Tür hinter uns sich knarrend öffnet.

Absätze klackern über den Boden.

„Jesse, Süßer, ich 'ab dich überall jesucht“, lallt eine weibliche Stimme, und Arme legen sich von hinten um mich. „Komm surück.“

Nicht schon wieder.

„Geh du.“ Ich versuche mich von ihr loszumachen, aber das Mädchen klebt wie eine Klette an meinem Rücken. Sie stinkt nach Alkohol. „Verdammt noch mal.“

„Ich denke, du solltest mit ihr gehen“, sagt Amber mit emotionsloser Stimme. „Ich schwöre, ich werde dir nicht nachweinen.“

„Da bin ich mir nicht so sicher. Was, wenn du es doch tust?“ Ich schiebe das andere Mädchen mit einer Hand zurück und halte sie auf Armeslänge Abstand. Zu meiner Überraschung versucht sie weiterhin, zurück ins Treppenhaus zu gelangen. „Ich wette, du wirst mein gutes Aussehen und meine cleveren Kommentare vermissen.“

„Du bist wohl wahnsinnig.“

Ein Grinsen zuckt an meinen Mundwinkeln. „Sex soll gut gegen Wahnvorstellungen helfen, wie ich höre. “

Sie gibt ein ungläubiges Schnauben von sich. „Träum weiter.“

„Ich schwöre.“

„Wenn Sex dich heilen könnte, wärst du bereits geheilt.“

Autsch.

Punkt für Amber.

„Ein Versuch kann nie schaden“, meine ich grinsend zu ihr. „Gib niemals auf, das ist mein Motto.“

„Dein Motto könnte mir nicht egaler sein.“

Ich zucke leicht zusammen. Himmel, was gibt diesem Mädchen nur diese Macht, mein Herz so zu foltern? Und warum sollte es mich kümmern, ob sie schlecht von mir denkt?

„Geh einfach zurück zu deinem Mädchen und lass dir von ihr weiterhelfen.“ Sie funkelt mich böse an und winkt zu der Blondine, die verwirrt zwischen uns hin- und herschaut.

„Sie ist nicht mein Mädchen.“ Ich zucke mit einer Schulter. „Aber falls du Interesse haben solltest, kann ich sie vielleicht zu einem Dreier überreden.“

Ambers Wangen röten sich und ihre Augen blitzen auf. Mann, sie ist umwerfend. „Ich bin nicht interessiert.“

„An Dreiern, oder an Männern?“, scherze ich mit meinem Mund auf Autopilot, wie so oft, wenn ich aufgebracht bin. „Denn der Anblick von dir und Blondie hier könnte mich durchaus anmachen, also kein Problem. Oder warte, wir könnten auch Kayla, deine neue Mitbewohnerin, einladen. Sie schien interessiert zu sein.“

„Du kannst mich mal, Arschloch.“ Amber stößt sich von der Wand ab und marschiert zur offenstehenden Tür. „Ich bin nicht an dir interessiert. Halt dich von mir fern.“

Ich lache, aber etwas Schmerzhaftes windet sich in meiner Brust. Ich habe keine Ahnung, was es bedeutet und was ich deshalb unternehmen soll, also sehe ich ihr nur nach, wie sie die Wohnung betritt und in der Menschenmenge aus Partygästen verschwindet.

Scheiße.

„Jesse“, jammert das blonde Mädchen. Während sie einen Schmollmund zieht, fällt mir auf, dass roter Lippenstift über ihr ganzes Gesicht verschmiert ist. „Ich fühle mich nicht so gut. Ich glaube, ich muss mich übergeben.“

Ich lasse sie los, als hätte ich mich verbrannt, dann greife ich wieder nach ihr, als sie auf ihren High Heels schwankt.

Gottverdammt. Meine Brust fühlt sich immer noch zu eng an, aber ich ignoriere es mit der Leichtigkeit langjähriger Übung und zerre die Blondine zurück ins Innere der Wohnung, direkt ins Badezimmer. Nichts Ungewöhnliches, eine typische Partynacht – und dennoch hat sich etwas verändert.

Ich habe dieses Gefühl, das ich schon lange nicht mehr hatte – das Gefühl, nicht zu wissen, wohin ich gehe und was ich tun werde.

Allerdings kenne ich das Heilmittel dafür. Sobald ich mich davon vergewissert habe, dass die Blondine keinen Trip zur Notaufnahme braucht, schnappe ich mir eine Flasche Tequila und lasse mich mit dem Ziel nieder, alle Emotionen auszulöschen und alle Erinnerungen zu vergessen.

Manchmal funktioniert das sogar.

* * *

„Hey, Jesse, was machst du?“ Rafe hebt seine Faust und ich stoße mit meiner dagegen – oder versuche es zumindest. Ich verfehle sie. Ich sehe zu diesem Zeitpunkt bereits doppelt, also ist es kein Wunder.

„Heya. Was jeht?“ Verdammt, mein Mund kooperiert nicht. Meine Hände ebenso wenig, wird mir bewusst, als Rafe ein Glas – leer, wie ich bemerke – aus meinen schlaffen Fingern zieht und auf dem niedrigen Tisch abstellt. Er muss niedrig sein, denn ich sitze auf dem Boden, mit dem Rücken zur Wand, und er ist auf Augenhöhe.

Außer ich bin größer geworden. So wie bei Alice, als sie den Kuchen im Wunderland gegessen hat. In einer der Pflegeunterkünfte, die ich durchlief, fiel mir das Buch in die Hände, aber dann verlor ich es wieder.

Wie ich alles Wichtige in meinem Leben verliere.

Habe ich Kuchen gegessen? Ich kann mich nicht erinnern, irgendetwas gegessen zu haben. Ich vergesse das Essen oft. Es gab eine Zeit, in der ich alles versucht habe, um das Essen zu vergessen, weil ich keins hatte. Und jetzt, wo ich es haben kann, vergesse ich es immer wieder.

War ja klar.

„Mann, du bist ja echt hinüber“, grummelt Rafe und drückt einen Plastikbecher in meine Hand, die Flüssigkeit darin schwappt bei der Bewegung leicht. „Trink.“

Ich nehme einen Schluck und verziehe das Gesicht. „Was ist das?“

„Wasser mit Zucker und Salz. Trink schon aus. Keine Alkoholvergiftung erlaubt, solange ich da bin.“ Rafe sieht mich durch das blonde Haar, das ihm ins Gesicht fällt, finster an.

Die zweite Person, die ich heute geschafft habe anzupissen, Blondinen ausgenommen.

„Jawohl, Sir“, murmle ich und stürze das Wasser in zwei großen Schlucken runter. Irgendwie landet etwas davon auf meinem Shirt, was mich schnauben lässt.

„Yo, Jesse.“ Eine andere große Gestalt taucht hinter Rafe auf, und der Irokese sagt mir, dass ich Zanes Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe.

Oh, Mist.

„Verdammt. Ist er so besoffen, wie er aussieht?“ Zane reibt sich mit einer Hand übers Gesicht, und der Anblick von Enttäuschung dort trifft mich schwer. Er ist mein Mentor, mein Lehrer, hat mich aufgenommen.

Dann wiederum scheint mich heute Abend alles zu tief zu verletzen, als würde ich eine Wunde wieder aufreißen, die Klingen der Worte bis zu meinen Knochen durchdringen lassen.

„Ich bin okay“, murmle ich und hieve mich hoch, muss mich allerdings am Sofa festhalten, als der Boden zur Seite kippt. „Seht ihr?“

„Einen Scheiß bist du“, schnaubt Zane. „Was ist los mit dir, Kleiner?“

Es ist immer wieder komisch, das von ihm zu hören, da er nicht älter ist als ich, aber heute finde ich es nicht lustig.

„Alles ist gut.“ Es muss gut sein, und ich habe mich geirrt: Alkohol hilft mir heute nicht dabei zu vergessen und mich zu betäuben. Er sickert nur in meine verkrusteten Wunden, belebt jede einzelne verfluchte Erinnerung. „Perfekt.“

„Ich fahre dich nach Hause“, sagt Rafe und greift nach meiner Schulter, als ich über eine leere Bierflasche stolpere. „Komm schon.“

Und ich gehe mit ihm. Ich pflastere ein breites Grinsen auf mein Gesicht und torkle aus der Wohnung hinaus, halte meinen Blick nach vorne gerichtet und mein Herz irgendwo in meiner Kehle, sage mir selbst, dass es mir egal ist, was passiert, was andere von mir denken und wo ich morgen sein werde.

Wenn das Leben mich eine Sache gelehrt hat, dann dass es keinen Unterschied macht, ob mir etwas wichtig ist, ob ich es versuche – und wie dem auch sei, scheiß auf die Welt.


Kapitel 3

Amber

Vor der Party sah die Wohnung klein, aber gemütlich und sauber aus. Nach der Party sieht es aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen – eine Bombe gefüllt mit Bierflaschen, Plastikbechern und aus irgendeinem Grund buntem Konfetti. Wahrscheinlich sind das die Servietten, auch wenn es mir unbegreiflich ist, warum jemand sie in winzige Fetzen zerreißen sollte.

Vieles im Leben ist mir unbegreiflich. Ich habe schon lange aufgegeben, andere Leute verstehen zu wollen. Ernsthaft. Es zu versuchen, ist reine Zeitverschwendung. Stattdessen lasse ich das Leben an mir vorbeirauschen, über meinem Kopf hinweg, lasse Menschen an mir vorbeiziehen, und gebe mein Bestes, meinen Kopf gesenkt zu halten und unsichtbar zu sein.

Nach meiner Erfahrung ist Aufmerksamkeit etwas Schlechtes. Es führt zu Interesse, und Interesse nimmt öfter eine schlechte Wendung als eine gute. Vermeide Interesse, vermeide Aufmerksamkeit, und du vermeidest Probleme.

Deshalb hat Jesse mich so verunsichert, sinniere ich, als ich Plastikgeschirr und -becher aufsammle und alles in eine große Mülltüte werfe. In seinem Blick hat Interesse und Neugier gelegen. Irgendwie, mysteriöserweise, habe ich es geschafft, die Aufmerksamkeit des heißesten Kerls im Zimmer auf mich zu ziehen, und es hat mir einfach nur Angst gemacht.

Ich brauche nichts von ihm. Keine Aufmerksamkeit, kein Interesse, vielen Dank auch. Ich hoffe, er hat die Nachricht verstanden. Es geht mir mehr als gut, ohne irgendwelche weiteren Männer in meinem Leben. Ich meine, ich habe meinen Vater in Chicago, und ich kann Micahs und Evs Freunden nicht ständig aus dem Weg gehen.

Das ist mehr als genug. Viel mehr. Vielleicht mehr, als ich ertragen kann.

Mit zitternden Händen lasse ich mich aufs Sofa hinuntersinken. Etwas knackt unter meinem Hintern, und ich verziehe das Gesicht. Ich ziehe einen Plastiklöffel unter mir hervor.

Ich verdrehe die Augen, fühle mich aber schon etwas besser, als ihn in die Mülltüte werfe, und seufze. Warum kann ich meine Ängste nicht ebenso leicht wegwerfen? Wie kann die Vergangenheit mich noch nach so vielen Jahren gefangen halten? Wie kann ich die Ketten sprengen? Wie kann ich etwas bekämpfen, das schon vorbei sein sollte?

„Gott, ich bin völlig erledigt.“ Kayla sinkt neben mir aufs Sofa und lehnt sich mit geschlossenen Augen zurück.

Ihr Haar mit den blonden Strähnchen ist auf ihrem Kopf zu einem unordentlichen Dutt zusammengebunden, einzelne Strähnen fallen heraus und fallen ihr ins Gesicht. Ich erkenne sie kaum, in ihren Sportshorts und einem übergroßen T-Shirt, ein himmelweiter Unterschied zu dem hautengen Kleid, das sie gestern anhatte.

„Also, wie findest du die Jungs?“ Sie stößt mich mit dem Ellenbogen an, und ich zucke zusammen. Es scheint ihr nicht aufzufallen. „Sie sind wirklich ein Augenschmaus. Ich hätte nur zu gerne einen von ihnen.“

„Ganz egal wen?“, frage ich sie mit gehobener Augenbraue und versuche aus ihr schlau zu werden.

„Hach, dieser Jesse ist so sexy. Ich liebe seine Augen. Und seinen Körper. Und seine Lippen.“ Sie kichert. „Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es etwas an ihm gibt, das ich nicht mag. Und da bin ich nicht die Einzige.“

„Oh?“ Eine tiefe Rötung kriecht an meinem Hals empor. Verdammt, bin ich so leicht zu durchschauen?

„Cassie, das Mädchen, das mit Ev zusammen arbeitet“, sagt Kayla. „Sie ist heftig in Jesse verschossen.“

Oh. Okay, klasse. Ich nicke, versuche das zu verarbeiten. „Also … sind sie zusammen?“

„Wer, Cassie und Jesse?“ Kayla lacht und wackelt mit ihren bloßen Zehen in der Luft. Ihre Nägel sind in einem hellen Pink lackiert. „Du kennst Jesse nicht. Ich meine, du bist gerade erst angekommen, also ist das verständlich.“

„Ja?“ Meine Neugier gewinnt die Oberhand, und ich drehe mich vollständig zu Kayla um. „Was ist mit ihm?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Es ist kein Geheimnis. Er vögelt alles mit Brüsten und einer Vagina. Und Cassie, nun … Sie schläft mit jedem, der einen Schwanz hat. Sorry, wenn ich vulgär klinge, aber das ist die Wahrheit.“

Ich falle zurück auf die Sofakissen, lasse die Mülltüte zu Boden sinken.

Natürlich wusste ich das über Jesse. Ich meine, hallo. Wenn das gestern mal kein vielsagender erster Eindruck war. Er fiel praktisch aus dem Badezimmer, nach was auch immer er mit dieser Blondine getrieben hat. Eine Blondine, deren Namen er nach dreißig Sekunden bereits vergessen hatte.

Und dann war er mit einer anderen zusammen gewesen. Himmel. „Und du willst ihn trotzdem?“

„Uh-huh.“ Kayla seufzt sehnsüchtig.

„Du hast gerade gesagt, dass er ein Weiberheld ist.“

„Pfff.“ Sie winkt mit einer Hand ab. „Was ist schon dabei, wenn ich ihn etwas anschmachte?“

„Anschmachten.“ Ich schüttle den Kopf und versuche ein Lächeln zu unterdrücken. „Ich verstehe.“

„Und die gelegentliche Berührung. Das ist nicht verboten, oder? Ich will nur ...“ Sie wackelt mit den Fingern und macht grapschende Handbewegungen. „Ich will seinen Waschbrettbauch fühlen, weißt du? Er sieht steinhart aus. Und seine Brust. Ich hätte auch nichts dagegen, seinen Bizeps zu fühlen. Und seinen Hintern würde ich definitiv auch begrapschen.“

„Du bist verrückt“, meine ich lachend. „Das ist mein Ernst.“

„Verrückt vor Lust.“ Sie wiegt ihren Kopf zu imaginärer Musik. „Oh yeah, Baby.“ Dann hält sie inne und sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Moment mal, willst du mir sagen, dass es dir nicht in den Fingern juckt, ihn zu berühren? Sei ehrlich. Wir sind schließlich Mitbewohner. Erste Regel für das Mitbewohner-Dasein: Sei immer ehrlich, was Jungs angeht.“

„Kayla, ich ...“ Lasse mich nicht auf Jungs ein. Will nicht an Jungs denken. „Na gut.“

Sie beugt sich nach vorne, bis sie mir in die Augen sieht, und sagt in einer tief verstellten Stimme: „Willst du etwa nicht Jesses Bauchmuskeln betatschen? Sag mir die Wahrheit.“

„Nein.“

„Nein, was?“

„Nein, ich will weder Jesses Bauch, Brust, seinen Hintern oder sonst einen Teil seiner Anatomie fühlen.“

„Seltsam.“ Sie lehnt sich gähnend zurück. „Ich hätte schwören können, dass du es willst.“

„Warum?“

„Ich weiß nicht. Könnte daran liegen, wie du jedes Mal, wenn ich ihn erwähne, rot anläufst und ganz nervös wirst. Er ist schon ein Fall für sich, oder?“ Sie zwinkert mir zu, genau wie er es getan hat, und wie auf Stichwort, zieht sich eine vertraute Hitze über mein Gesicht. „Erwischt. Du hast gelogen. Du würdest auf jeden Fall Jesses Brust und Hintern begrapschen, du unanständiges Mädchen. Und du hast Regel Nummer eins gebrochen, nicht zu lügen, was Jungs angeht, was bedeutet, dass du die Toiletten putzen musst.“

Mir fällt die Kinnlade runter. „Ernsthaft?“

„Ev hätte dir die Regeln erklären sollen. Ich werde ihr so was von in den Arsch treten“, sagt meine neue Mitbewohnerin und geht. Ich sehe ihr vom Sofa aus sprachlos hinterher. „Wir werden uns später über Regel Nummer zwei unterhalten.“

Alles, nur nicht das.

* * *

„Ist Kayla nicht klasse?“, schwärmt Ev, deren Arm um meine Schultern liegt, während wir am späten Nachmittag des folgenden Tages die Straße hinuntergehen. Der Sommer kommt näher und eine sanfte Brise streichelt mit unsichtbaren Fingern über mein Gesicht.

„Sie ist cool.“ Auf der Unterlippe kauend, denke ich an das, was sie gesagt hat.

Ein Augenschmaus. Cassie will ihn. Jedes Mädchen verzehrt sich danach, ihn zu berühren.

„Stimmt etwas nicht?“

Ich zucke unter ihrem Arm mit den Schultern. Ich lasse nicht viele Menschen so nah an mich heran wie Ev, aber ich kenne sie mein halbes Leben. Wir sind zur selben Grundschule gegangen, dann zur Highschool. Ihre Familie lebte eine Straße von meiner entfernt. Ich vertraue ihr wie fast niemand anderem auf der Welt.

„Sie kann manchmal etwas anstrengend sein“, stimmt Ev meinen unausgesprochenen Zweifeln zu. „Hat sie dir die Regeln des Mitbewohner-Daseins erklärt?“

Ich grinse, trotz meiner Bedenken. „Ja. Sei ehrlich, was Jungs angeht. Wasche nie morgens Geschirr ...“


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