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Excerpt for Micah (Damage Control Reihe 1 - German version) by , available in its entirety at Smashwords

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Klappentext

Das bin ich: Micah Owens. Tätowierer im Damage Control. Keine Eltern oder Geschwister. Eine Vergangenheit, die mir immer noch Alpträume beschert.

Und dann ist da noch sie: Evangeline, das Mädchen, das mein Leben gerettet hat und mich in meinen angenehmeren Träumen besucht. Nur weiß sie nicht, wer ich wirklich bin, und ihr das zu sagen, könnte sie schreiend davonrennen lassen. Sie verdient etwas Besseres als einen Versager wie mich. Sie ist hübsch. Sie ist clever. Sie ist gottverdammt sexy und hat ein Herz aus Gold.

Deswegen kann ich es ihr nicht sagen. Ein Lächeln von ihr und ich würde alles tun, was ich kann, um sie zu meinem Mädchen zu machen – wie vorzugeben, jemand anderes zu sein. Jemand, der ihrer würdig ist.

Ist Liebe nicht seltsam?


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MICAH (Damage Control, 1)

Jo Raven

Copyright © Jo Raven 2014

MICAH (Damage Control 1)

Jo Raven

Copyright © Jo Raven 2018


Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Buches darf ohne die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors in irgendeiner Form reproduziert, veröffentlicht oder weitergegeben werden, weder auf elektronische noch maschinelle Weise (Fotokopien, Aufnahmen oder jegliche andere Form der Informationsspeicherung und Datenabfrage miteingeschlossen). Die Charaktere und Ereignisse in diesem Buch sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit wahren Begebenheiten oder Personen, lebendig oder tot, ist rein zufällig und nicht vom Autor beabsichtigt.

Übersetzung: Carolin Beck


Kapitel 1

Micah

Aus den Augenwinkeln erhasche ich einen Blick auf einen rotschwarzen Schemen. Eine schlanke Silhouette eilt leicht humpelnd aus dem Donutladen auf der anderen Straßenseite, und ich drehe den Kopf, um sie besser sehen zu können. Sie ist hier. Ich halte inne, die Tätowiermaschine summt in meiner Hand, und fluche innerlich. Sie ist spät dran. Später als sonst jedenfalls und meine Pause ist vorbei, also kann ich sie nicht beobachten, wie ich es seit der letzten Woche getan habe.

Und jetzt klinge ich schon wie ein Stalker … Scheiße.

„Sind wir fertig?“, will mein mürrischer Kunde wissen. Er ist jung – sieht nicht älter aus als zwanzig– aber seine teuren Klamotten und sein Haarschnitt sehen nach viel Geld aus, was ihn Galaxien von mir entfernt.

„Noch nicht.“

„Nun, dann beeil dich, okay? Und behalte deine Augen auf dem verdammten Ding, das du da rumschwingst. Ich will nicht, dass du irgendwelche Fehler machst.“

Die Zähne zusammenbeißend, umklammere ich die Tätowiermaschine fester und zwinge mich dazu, nichts zu erwidern. Ich gehe wieder dazu über, ein blutendes Herz auf den schwabbeligen Rücken des Kerls zu tätowieren. Ich habe noch nie einen Fehler gemacht. Das Tätowieren ist meine Leidenschaft und ich habe es von einem der Besten gelernt.

Von Zane Madden.

Mich auf die Arbeit zu konzentrieren, sollte kein Problem darstellen. Mein Job und das Tattoostudio sind mein Ein und Alles. Im wahrsten Sinne. Es ist alles, was ich habe, und ich weiß, dass ich mich verdammt glücklich schätzen kann, das zu haben. Es ist alles, was ich brauche.

Oder wenigstens war das so, bis sie anfing, jeden Nachmittag aufzutauchen. Das erste Mal sah ich sie, als ich mir vorm Damage Control – dem Tattoostudio, in dem ich arbeite – die Beine vertrat, und hätte fast eine Bauchlandung hingelegt. Ich glaube, dass sie es ist. Ev. Ich habe sie seit mehr als sechs Monaten nicht mehr gesehen, aber ich würde nie ihr Gesicht vergessen. Nie im Leben.

Ich glaube es. Auch wenn Evs Haar dunkler gewirkt hatte … Ist sie es? Ich wünschte, ich könnte sie aus der Nähe sehen, um sichergehen zu können.

Stirnrunzelnd konzentriere ich mich auf die letzten Feinschliffe an dem blutenden Herz und den Dornen, die es durchstechen. Es ist ein simples Design, einfach zu tätowieren. Während ich die Farben und Details hinzufüge, verliere ich mich in einer Art Trance, in die ich normalerweise eintrete, wenn ich hundertprozentig in meinem Handwerk aufgehe, in der Kunst, etwas Schönes zu kreieren.

Einige Zeit später kommt Zane an meiner Kabine vorbei und nickt mir grüßend zu. Da bemerke ich, dass das Licht draußen schwächer geworden ist. Ich trete zurück und betrachte das fertige Tattoo. Ein Geflecht aus Dunkelrot und Tiefschwarz, Blut und Schmerz.

„Gute Arbeit, Micah“, meint Zane, der das Tattoo mustert. Er ist immer noch hier, mit seinem knallblauen Irokesen.

Ich nicke, Wärme breitet sich bei seiner Anerkennung in mir aus. Ich habe vor kurzem meine Ausbildung abgeschlossen und Zane ist mein Gott. Alles, was ich jetzt bin, verdanke ich ihm. Auch wenn er fast ein Jahr jünger ist als ich, sorgt er dafür, dass ich mich wohl in meiner Haut fühle, hat über mich gewacht, sich um mich gekümmert. Er ist wie der große Bruder, den ich nie hatte.

Ich ziehe meine Einweghandschuhe aus und werfe sie in den Müll, dann säubere ich das neue Tattoo und lege einen Verband an. Während ich meinem ungeduldigen Kunden das Wichtigste bei der Nachpflege erkläre – wann er den Verband abnehmen kann und wie er das Tattoo sauber und trocken halten soll – höre ich Seths Stimme in der Kabine neben mir. Seth und ich teilen uns eine Wohnung, nicht weit vom Tattoostudio entfernt. Er ist gerade erst achtzehn geworden und ein Auszubildender hier, wie ich es auch vor ihm gewesen bin.

Mein Kunde murmelt ein kurz angebundenes Dankeschön, zieht sein Shirt über und verlässt die Kabine, um am Empfangstresen zu bezahlen. Für einen kurzen Moment erlaube ich es mir, mich gegen den Tresen zu lehnen und der Müdigkeit nachzugeben, die mich plagt. Es ist in letzter Zeit besser geworden und dafür bin ich verdammt dankbar. Allerdings gebe ich mein Bestes, es vor Zane zu verbergen, da er sich zweifellos Sorgen machen und mich nach Hause schicken würde. Der Laden kann sich das nicht leisten. Abgesehen von mir, sind Zane und Ocean die einzigen anderen Tätowierer mit einer Lizenz.

Ich kann es mir auch nicht leisten. Ich muss verdammt noch mal die Miete bezahlen. Außerdem geht es mir jetzt schon viel besser. Ein paar tiefe Atemzüge und ich bin bereit für meinen nächsten Termin.

Ich bedauere nur, dass ich sie heute nicht gesehen habe. Ein Gesicht aus meiner Vergangenheit, von dem ich geglaubt hatte, es nie wiederzusehen. Ist sie es wirklich? Ich muss näher an sie herankommen und den Mut aufbringen, mit ihr zu reden. Gott, ich hoffe, es ist Ev. Sie hat mich an meinem tiefsten Punkt gesehen, und ich will, dass sie mich so sieht, wie ich jetzt bin. Gesund. Stark. Mit einem Dach über dem Kopf und einem festen Einkommen. Mit Freunden und einer Art Familie.

Und vor allem will ich ihr dafür danken, dass sie mein Leben gerettet hat.

* * *

Seth geht, bevor ich mit der Arbeit fertig bin. Ich hoffe, er hat nicht all unser Essen aufgegessen, wenn ich heimkomme. Ich bin am Verhungern. Mein Bauch knurrt wie ein Grizzlybär. Wenn ich so darüber nachdenke, haben wir überhaupt noch Essen im Kühlschrank? Wahrscheinlich wird es heute Abend wohl auf eine Bestellung beim Lieferservice hinauslaufen.

Bis ich meine Arbeitsstation aufgeräumt und meine Hände gewaschen habe, hat sich der Laden geleert. Ich kann die glühende Asche von Zanes Zigarette draußen sehen, also schließe ich ab und gehe hinaus. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke hoch und schiebe meine Hände in die Taschen. Die Kälte sticht mir ins Gesicht. Ich stelle mich neben Zane und schaue über die Straße zum Donutladen.

„Bei dir alles okay, Micah?“ Zane sieht mich von der Seite an. „Du siehst heute nicht so gut aus.“

Ich verziehe das Gesicht. Zane entgeht auch nichts. „Alles gut.“

Er schüttelt den Kopf und zieht an seiner Zigarette. Sein Gesicht liegt im Schatten, die glühende Asche wird für einen kurzen Moment in seinen dunklen Augen reflektiert. „Nimmst du deine Vitamine?“

„Ja, Mom.“

Zane lacht leise und ich grinse in die Dunkelheit, fühle mich leicht und wohl in meiner Haut. So sollte sich Familie anfühlen. Zane ist meine Familie. Dazu kommt, dass er mir alles beigebracht hat, was ich weiß. Er hat mich gerettet. Uns alle, die im Damage Control arbeiten: Shane, Ocean, Jesse und Seth. Manchmal frage ich mich, ob ihm klar ist, wie wichtig er uns ist.

„Du würdest es mir sagen, wenn du etwas brauchst, oder?“ Er wirft seinen Zigarettenstummel runter und tritt ihn aus.

„Sicher.“

„Dann ist gut. Geh nach Hause, du Spinner, und halte Seth aus Schwierigkeiten raus. Ich kann euch nicht alle rund um die Uhr im Auge behalten.“

Ich nicke und wende mich dann zum Gehen.

„Das Mädchen, das du beobachtest …“ Zanes Stimme lässt mich erstarren. „Wer ist sie, Micah?“

Meine Stirn legt sich in Falten, als die Erinnerungen mich in einer riesigen Welle überschwemmen, heiß und kalt, schmerzhaft und bittersüß. Ich drehe mich wieder zu ihm um und überlege, was ich sagen soll. Denn ich kann Zane nicht den Mittelfinger zeigen und davonstiefeln. Nicht bei ihm. Aber über Ev zu sprechen fühlt sich wie eine Art Treuebruch an. Als wäre sie ein halb vergessener Traum, kostbar und zerbrechlich. Und über sie zu sprechen, könnte ihn zerplatzen lassen und beweisen, dass es nur ein Traum und keine Erinnerung war.

Aber sie war dort und zwar nicht nur dieses eine Mal. Meine Erinnerung an jene Tage mag verschwommen sein, aber ihr Gesicht … Ich erinnere mich an ihr Gesicht. Ist sie es, die jeden Tag zu dem Laden auf der anderen Straßenseite geht, oder spielt mein Kopf mir etwas vor?

„Micah?“ Zane sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an, eine Sorgenfalte hat sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet.

„Ich glaube, es ist jemand, den ich kenne“, beeile ich mich zu sagen. „Ich bin …“ Ich schaue wieder zum Laden auf der anderen Straßenseite.

„Du bist was?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie es ist.“

Zane spielt mit seinem Feuerzeug, schaltet es an und aus. „Sie bedeutet dir etwas, oder?“

Ich zucke mit den Schultern, versuche gelassen zu wirken. „Ich kenne sie nicht wirklich.“

„Ich meine nicht die Person, für die du sie hältst. Ich meine das Mädel von der Straße gegenüber. Ich habe bemerkt, wie du sie ansiehst. Du stehst auf sie, oder?“

Diese Nervensäge führt sich auf wie ein großer Bruder, ganz neugierig und so‘n Mist. „Und was, wenn ich das tue?“

Er schnaubt und steckt das Feuerzeug zurück in seine Jackentasche. „Nichts. Ich will nur sichergehen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege.“

„Fick dich“, murmle ich und reibe mir über den Hinterkopf.

„Ja, ja“, erwidert Zane grinsend, scheinbar zufrieden mit sich selbst. „Gib ihr einen Kuss von mir, okay?“ Und dann geht er die Straße runter, bevor mir eine angemessene Antwort einfällt.

Ich zeige ihm den Mittelfinger, auch wenn er es nicht sehen kann, und seufze dann. Ich kann froh sein, wenn ich überhaupt mit ihr reden kann, geschweige denn sie küssen.

Sie küssen. Ihr Gesicht flackert vor meinem inneren Auge auf – ihre haselnussbraunen Augen, ihre zierliche Nase, ihr weicher Mund. Verflucht, ich hätte nichts dagegen, sie zu küssen. Überhaupt nichts.

Aber auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass sie ein- oder zweimal zu mir gesehen hat, sie hat nie gewunken und ist auch nie rübergekommen. Entweder hat sie mich nicht erkannt oder sie will nicht mit mir reden.

Kann ich ihr das verübeln? Selbst wenn sie mich wiedererkennt, warum sollte sie mit mir reden wollen? Ich war nur ein Kerl, zu dem sie nett war, ein Kerl, der vom Jugendamt ausgespuckt und zum Verrotten zurückgelassen worden war. Ich wette, sie hat auch nicht geglaubt, mich je wiederzusehen, einen dunklen Fleck in ihrem perfekten Leben, so wie ich nicht geglaubt habe, dass sich unsere Wege erneut kreuzen würden.

Ich frage mich, warum sie hier ist, ob sie in der Nähe wohnt oder arbeitet, und ob sie bald von Donuts und Kaffee genug haben wird, und ich sie dann nie wieder sehen werde.

Der Gedanke lässt mein Herz wild hämmern. Ich habe es lange genug aufgeschoben. Morgen werde ich über die Straße gehen und mit ihr reden. Warum zur Hölle nicht? Was habe ich schon zu verlieren? Gott weiß, ich habe bereits die Lektion gelernt, dass das Leben kurz ist und man tun sollte, was man will, bevor es zu spät dafür ist.

* * *

Mein Atem formt Wolken in der Luft, und jede unbedeckte Stelle Haut schmerzt. Der Wind ist eiskalt, und ich beeile mich, so schnell ich kann nach Hause zu kommen. Dennoch schaffe ich es, nach einigen Leuten zu sehen, gehe zu Mollys üblichem Aufenthaltsort, draußen vor einem Süßwarengeschäft, um ihr etwas Geld zu geben, und zu der Sitzbank, wo Ben sich normalerweise abends aufhält, um nach dem alten Mann zu sehen.

Ein Hustenanfall packt mich, als ich um die Ecke zu unserem Wohnkomplex gehe, und ich muss stehenbleiben, um wieder zu Atem zu kommen, bevor ich reingehe. Mist.

Seth ist nicht zu Hause, als ich die Tür aufschließe und eintrete. Jetzt, wo ich so darüber nachdenke, hat er etwas von einem neuen Job erzählt, den er heute anfängt. Ich glaube, es war eine Kneipe in der Nähe? Vom Gehalt eines Tattoo-Azubis kann man leider nicht die Miete bezahlen. Wenigstens habe ich dort einen Vollzeitjob.

Es ist zudem verdammt kalt, deshalb drehe ich die Heizung auf und sinke auf unser durchgesessenes Sofa hinunter, reibe mir mit den Händen übers Gesicht. Ich japse immer noch, also lehne ich mich zurück und warte, bis es vorbeigeht.

Aber ich bin auf einem guten Weg. Vor sieben Monaten war ich ein Wrack – zu dünn, zu schwach, zu krank. Zu tief am Boden, um wieder ganz hochzukommen. Aber ich habe es geschafft.

Ich will, dass sie das sieht. Die Meinungen anderer Leute über mich sind mir scheißegal. Sie kennen mich nicht. Ich kenne sie nicht. Wen zum Teufel kümmert das? Aber sie ist wichtig, denn sie war eine der wenigen, die mich wirklich gesehen haben, als ich am Boden war, und mich nicht ignoriert haben. Ich will ihr zeigen, dass ihre Hilfe etwas bewirkt hat.

Okay, es schadet auch nicht, dass sie hübsch ist. Süß. Das hatte ich bis zu dieser Woche nicht einmal bemerkt. In meiner Erinnerung ist Ev nur ein Paar großer, ausdrucksstarker Augen und eine beruhigende Stimme, die mich über Wasser gehalten hat, als ich in die Tiefe hinabsank. Und ich bin verdammt tief gesunken.

Vielleicht ist sie es nicht. Und selbst wenn sie es ist … Wer sagt, dass sie mit mir reden will?

Ich stehe auf und schaue in den Kühlschrank. Leer. Ich schlage die Tür zu und denke darüber nach, mir eine Pizza zu bestellen. Meine Multivitamintabletten stehen auf dem Tresen. Ich sollte etwas essen und sie nehmen, oder ich werde morgen im Arsch sein und herumlaufen wie ein Betrunkener.

Aber ich bin müde und nicht wirklich hungrig. Scheiß drauf. Es wird mich nicht umbringen, wenn ich heute Nacht nichts esse. Gott weiß, ich bin das gewohnt. Depressionen überkommen mich. Es ist zu still hier. Ihr Gesicht bringt zu viele Erinnerungen zurück, die in meinem Kopf umherschwirren, und ich will mich ihnen gerade nicht stellen.

Ich gehe durch die stille Wohnung, ertaste im Dunkeln mein Bett und lasse mich wie ein nasser Sack darauf fallen.


Kapitel 2

Evangeline

Der Nachmittagshimmel hat sich düster zugezogen. Schwere Wolken hängen über mir, als ich mit der Arbeit fertig bin. Ich humple die Straße runter, von dem Sportgeschäft, wo ich einen Teilzeitjob bekommen habe, zu meinem Lieblingsdonutladen.

Ich beschleunige meine Schritte, ignoriere dabei den Drang, nach unten zu greifen und mein schmerzendes Bein zu massieren. Da ist es. Es ist ein kleines Geschäft, Mava’s Donuts. Ich trete ein und inhaliere den Geruch von Zucker und Fett. Billige, fettige, köstliche Süße. Genau das, was ich gerade brauche. Das beste Mittel gegen Nervosität.

Meine Hände zittern. Ich habe mein Handy nach Blakes letzter Nachricht abgeschaltet, und ich weiß nicht, ob ich es in nächster Zeit wieder anschalten werde.

Blake. Ein Riesenarschloch. Mein Ex-Freund.

Nur scheint er den Teil mit dem „Ex“ nicht zu verstehen. Ich habe kurz vor dem Unfall mit ihm Schluss gemacht, das ist sieben Monate her. Danach lief mein Leben irgendwie aus dem Ruder, dann wurde es irgendwie anstrengend, und dann begann Blake mir Geschenke zu schicken und mich zu besuchen. Ich dachte, wir könnten vielleicht Freunde sein.

Aber dann wanderten seine Hände an Orte, wo sie nicht hingehörten, und ich musste ihm sagen – wieder einmal – dass wir kein Paar sind. Und das Schlimmste? Er schien zu glauben, dass ich scherzte.

Gott.

Meine Joggingschuhe quietschen auf dem Boden, als ich mein Gewicht auf mein gutes Bein verlagere und das andere strecke. Die anderen Kunden drehen sich zu mir um, starren mich an, und ich pflastere ein Lächeln auf mein Gesicht.

‚Wo willst du jemand Besseren finden als mich?‘, hat Blake spöttisch gemeint. ‚Du wirst nicht jünger, Evangeline.‘

Ja, ich bin so was von alt. Ganze neunzehn Jahre.

‚Warum kannst du nicht an deine Zukunft denken? Alles, was du tust, ist, mit obdachlosen Landstreichern abzuhängen, und du siehst ja, wo dich das hingebracht hat.‘

Wo mich das hingebracht hat? Nun, du kannst mich mal, Blake. Ich habe meinen Schulabschluss gemacht und erhole mich immer noch von dem Unfall, bei dem ich von einem Motorrad erwischt wurde, was mir das Bein gebrochen und mein Knie kaputt gemacht hat. Ich habe einen Teilzeitjob und ich will herausfinden, was ich mit meinem Leben anfangen möchte. Was ist falsch daran?

Außerdem sehe ich nicht die Verbindung zwischen jemandem zu helfen, die Nacht zu überleben, und von jemandem angefahren zu werden, dem man es gar nicht erst hätte erlauben sollen, auf der Straße zu fahren. Aber Blake hat einige Vorurteile, was obdachlose Menschen angeht. Er glaubt, es sei ihre eigene Schuld und ihre Entscheidung. Er besteht darauf, dass sie kein Dach über dem Kopf haben, weil sie faul, dumm und leichtsinnig sind.

Ja, sicher. Die Leute auf der Straße haben keine andere Wahl. Sie fallen nicht vom Himmel. Das belegen Statistiken. So spielt das Leben.

‚Wer wird dich das nächste Mal retten, Evie? Wer wird dich nach Hause bringen, wenn dir wieder etwas zustößt?‘

Denn natürlich war er derjenige, der mich nach dem Unfall gefunden und den Krankenwagen gerufen hat, wodurch er in den Augen meiner Familie zu einem Helden wurde.

Und als er schließlich sah, dass mich das nicht erweichen würde, sagte er das Abscheulichste überhaupt:

‚Gott, Evie. Wer, glaubst du, will sonst einen Krüppel wie dich?‘

Ein Tritt dorthin, wo es am meisten wehtut: in den unsichersten Teil von mir.

Ich streiche mir mein Haar hinter die Ohren und krame in meiner Tasche nach Geld, als ich mich dem Verkaufstresen nähere. Vielleicht wird mich nie jemand wollen. Es ist nicht so, als würden die Jungs Schlange stehen, um mit mir auszugehen. Ich habe nicht das umwerfende Aussehen meines Bruders Joel. Ich bin nur seine unscheinbare kleine Schwester mit den großen Augen und dem langweiligen Haar. Ebenso wenig habe ich sein Talent. Er hat ein Sportstipendium für Leichtathletik und bekommt gute Noten im Studium. Ich kann nicht einmal Joggen gehen, ohne dass mich jemand mit einem Motorrad überfährt, und brauche Monate, um wieder einigermaßen gerade laufen zu können.

Ich nehme meinen Donut entgegen und gehe in die Kälte hinaus, vorbei an den Tischen und Sitzbänken für Kunden.

Ich muss mein Leben zurückbekommen. Ich muss mich selbst wiederfinden. Blake ist ein Arsch, und ich will, dass er mich in Ruhe lässt. Also ignoriere ich seine Textnachrichten, seine Anrufe, seine Sticheleien und ziehe weiter.

Ziehe wirklich weiter.

Auf der anderen Straßenseite liegt ein Tattoostudio. Manchmal steht ein großer blonder Kerl davor, der mich direkt ansieht. Zumindest in meine Richtung. Manchmal fantasiere ich, dass er mich ansieht, dass er mich attraktiv findet. Selbst von der anderen Straßenseite sieht er gut aus, mit seinem kantigen Kiefer, seinem gut geschnittenen Gesicht und den breiten Schultern.

Sicher, Ev. Träum weiter. Warum sollte er von all den Frauen ausgerechnet dich ansehen?

Ich schaue auf und erstarre. Er ist dort, an seinem üblichen Platz vor dem Tattoostudio, mit dem Rücken an das Gebäude gelehnt, seine Hände in den Taschen vergraben. Er trägt verblichene Jeans, schwarze Stiefel und eine schwarze Jacke. Sein Kopf ist zurückgelehnt, seine Augen geschlossen, sein kurzes blondes Haar glänzt im schwachen Sonnenlicht.

Mit einem letzten Blick auf seine langen Beine, die breite Brust und dem hell schimmernden Haar, das wie ein Heiligenschein um seinen Kopf fällt, eile ich davon. Gott, was wenn er mich beim Starren erwischt?

Wie peinlich.

Mein Bein zwickt und ich werde langsamer. Es liegt eine Schwere in der Luft. Der gebrochene Knochen in meinem Bein schmerzt, vor allem mein Knie. Auch wenn es fast vollständig verheilt ist, bin ich wie ein Barometer, kann voraussagen, wann Regen kommen wird. Wer braucht den Wetterbericht, wenn ich in der Nähe bin?

Ich überquere vorsichtig die Allee. Nicht dass ich jetzt eine Phobie vor Motorrädern habe, aber ich will ganz sicher nicht noch einmal angefahren werden. Also okay, vielleicht habe ich etwas Angst vor ihnen … aber aus gutem Grund.

Als ich die Bushaltestelle erreiche, höre ich hinter mir ein entferntes Rufen, aber als ich mich umdrehe, sehe ich niemanden. Autos brausen vorbei. Fahrer hupen und lassen ihre Motoren aufheulen. Ich muss es mir wohl eingebildet haben.

Schulterzuckend steige ich in den Bus und setze mich ans Fenster. Was will ich mit meinem Leben anfangen? Es gibt eine Sache, die ich gerne tue: anderen Menschen helfen. Aber anscheinend sollte es mich nicht kümmern, ob die obdachlosen Leute, die ich sehe, leben oder sterben. Ob sie krank oder hungrig sind. Das geht mich nichts an.

‚Sie verdienen weder deine Zeit noch das schwer verdiente Geld unserer Eltern‘, sagt Joel mir tagein tagaus. ‚Sie leben in ihrer eigenen Welt. Faule Nichtsnutze. Abschaum der Gesellschaft.‘

Er klingt so sehr wie Blake, es ist unerträglich.

Wenn ich nicht zur Uni gehe, wenn ich stattdessen meinen Job im Sportgeschäft behalte und eine billige Wohnung auf der falschen Seite der Stadt miete, werde ich in seinen Augen dann auch gesellschaftlicher Abschaum sein?

Und wie könnte ich durch meine Nachbarschaft joggen – nun, an diesem Punkt eher humpeln – in meinen neuen Joggingsachen und mit meiner neuen Uhr am Handgelenk, die alles kann, außer Kaffee kochen, mit meinem Handy, das mir meine E-Mails vorlesen kann, für den Fall, dass ich zu faul bin, meine Augen zu benutzen; vor Leuten, die nichts zu essen haben?

Also gut, ich weiß, wir sind keine Millionäre, dass ich Geld nicht für dumme Sachen verschwenden sollte, und ich bin mir bewusst, dass meine Eltern hart dafür gearbeitet haben, um zu dem Punkt zu gelangen, wo sie jetzt sind –in der Lage, sich zwei Autos und all die anderen schönen Annehmlichkeiten des Lebens zu leisten – aber hey … Mein Taschengeld für Essen und manchmal Medikamente auszugeben, auf die diese Leute dringend angewiesen sind, stürzt mich nicht in große Unkosten. Ja, Taschengeld …. Es ist nicht so, als würde ich irgendjemandem etwas wegnehmen.

Die Sache ist, ich hatte einen Sinn in meinem Leben gesehen, vor dem Unfall. Der Schmerz war nicht nur physisch. Ich habe Menschen verloren. Und das hat mich gekostet. Joel verdreht jedes Mal die Augen, wenn ich es erwähne, und meine Eltern verstehen es nicht.

Ich kannte meine Schützlinge. Bevor das Motorrad mich traf und mir das Bein brach, habe ich mindestens dreimal pro Woche meine Runden gedreht. Das Joggen war meine Ausrede, um nach allen zu sehen, die ich dort draußen kannte, die in Gebäudeeingängen und an Bushaltestellen Zuflucht suchen. Ich hatte zwei ältere Männer vor dem Unfall verloren – Brent, der eines kalten Sommermorgens tot aufgefunden wurde, und Jimmy, der drogensüchtig war und eines Nachts an seinem eigenen Erbrochenen erstickte.

Dann war da noch dieser junge Kerl, den ich einige Male angetroffen habe. Zuerst saß er mit einigen meiner üblichen Schützlinge im späten Sommer draußen vor Kohl‘s Kaufhaus. Dann fand ich ihn im Herbst in einem Schlafsack zusammengekauert in einer schmalen Hintergasse der State Street. Ich erkannte seine zerrissene blaue Jacke und sein langes verschlissenes Haar.

Ein paar Tage später hatte er ein hohes Fieber und hustete sich die Seele aus dem Leib. Er bekam kaum noch Luft. Es sah nach einer Lungenentzündung aus. Ich rief den Krankenwagen und blieb bei ihm, bis die Sanitäter kamen. Seine Lippen waren blau, kaum sichtbar unter seinem zotteligen blonden Bart. Während ich seine viel zu dünne Hand hielt und ihm das strohige Haar aus seinem eingesunkenen Gesicht strich, hatte ich Angst, zu spät gekommen zu sein.

Ich habe nie herausgefunden, was mit ihm passiert ist. Ich war nur um die Ecke gegangen, um nach dem Krankenwagen Ausschau zu halten, als das Motorrad mich erwischte. Es war ein übler Sturz. Ein mehrfacher Bruch und eine rausgesprungene Kniescheibe. Ich verlor vor Schmerz das Bewusstsein. Als ich aufwachte, war ich im Krankenhaus, und niemand wusste etwas von einem kranken jungen Mann.

Das war vor sieben Monaten.

Ich befürchte, ich habe ihn auch verloren. Dass er in dieser Gasse gestorben ist. Letzten Endes habe ich nicht einmal seinen Namen erfahren und jetzt ist er aller Wahrscheinlichkeit nach auch tot.

Ich trug die Verantwortung für ihn. Ich habe ihn gefunden und dann hängen gelassen. Niemand schien zu wissen, was mit ihm geschehen war. Er ist fort.

Seufzend schließe ich die Augen.

‚Hör auf mit dem Melodrama, Evie.‘

Das ist, was Blake jetzt sagen würde. Tatsächlich hat er das immer gesagt. ‚Du steckst zu tief drin, Evie. Du nimmst das zu ernst, Evie. Hör auf, die Heldin zu spielen. Überlass die Leute ihrem Schicksal. Was hat es mit dir zu tun? Was schuldest du ihnen?‘

Scher dich zum Teufel, Blake. Es geht nicht um Schuld. Es geht darum, zu geben. Darum, eine Ungerechtigkeit zu beseitigen. Sich um das Wohl anderer zu sorgen, etwas das du nie in deinem Leben verstehen wirst.

* * *

Am nächsten Tag stelle ich auf der Arbeit wieder die Laufschuhe an ihre jeweiligen Plätze zurück, nachdem eine Familie von fünf beschlossen hatte, sie alle anzuprobieren, und dann praktischerweise vergaß, wo sie sie hergeholt hatten. Da höre ich meinen Namen.

„Hey, Ev!“ Cassie hüpft mit einem breiten Grinsen im Gesicht in meine Richtung. „Willst du nach der Arbeit mit mir einen Kaffee trinken gehen?“

„Sicher.“

Ich mag Cassie. Mit ihrem Engelsgesicht, den blauen Augen und den langen blonden Locken, die zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden sind, ist sie so süß, dass ich sie ständig in die Wangen kneifen will. Sie vergisst nie, mich zu grüßen und zu fragen, wie es mir geht. Die Kunden lieben sie, besonders die Kinder. Sie ist ein Wirbelwind aus Energie und Freude.

„Ich weiß, wo wir hinsollten“, sprudelt es aus ihr heraus, ihre Augen funkeln. „Sie machen dort den besten Kaffee der Stadt. Du wirst schon sehen. Und erst ihre Cupcakes!“

Das klingt gut. Aber ich sage nicht sofort Ja. Ich will nicht zu einem anderen Café gehen. Mir wird plötzlich bewusst, dass ich diesen Kerl wiedersehen will, vielleicht ist er heute auch auf der anderen Straßenseite.

Verrückt. „Ich weiß nicht …“

„Oh, wir können auch dorthin, wo du willst“, sagt Cassie und winkt mit einer Hand ab. „Das ist kein Problem für mich. Ehrlich.“

Ich lächle sie an. Ich will wirklich mit ihr zusammen abhängen. Richtige Freunde hatte ich nie – die Zicken in meiner Highschool waren verdammt schlecht darin, so zu tun, als ob sie mich mögen würden – und der Wunsch nach einem Neustart erfüllt mich bis zum Bersten.

„Da ist dieser Donutladen“, beginne ich und sehe, wie sich ihr Gesicht zu einem weiteren Grinsen verzieht. „Ganz in der Nähe. Wir könnten uns etwas kaufen und uns zum Essen draußen hinsetzen. Sie haben Sitzbänke und Tische. Ich meine, es ist kalt, aber wenigstens ist es heute trocken.“

„Hört sich gut an“, flötet sie. Sie kommt näher, hilft mir beim Zurückstellen der Schuhe und schaut auf mein Bein runter, als ich zum nächsten Regal humple. „Ich wollte dich das schon länger fragen … Hast du dir dein Fußgelenk verstaucht? Soll ich es mir mal ansehen?“

„Nein, es ist alles in Ordnung.“ Ich rücke einen blau-silbernen Laufschuh zurecht. „Wirklich.“

„Du humpelst“, meint sie besorgt. „Es ist was, zwei Wochen her, seit du angefangen hast, hier zu arbeiten? Wenn es eine schlimme Verstauchung ist, solltest du sie röntgen lassen, um sicherzugehen, dass …“

„Es ist nicht mein Fußgelenk.“ Ich streiche mit einer Hand an meiner Jogginghose hinunter. „Ich habe mir vor sieben Monaten das Bein gebrochen. Es ist jetzt so gut wie verheilt.“

„Oh, das tut mir leid“, wispert sie. „Ich wollte nicht zu neugierig sein.“

„Schon okay. Es war ein Unfall.“ Ich erinnere mich lebhaft an den Schmerz. Ich erinnere mich daran, wie das Motorrad gegen mich prallte, an den Moment der Verwirrung und an die höllischen Qualen. Dann verlor ich jegliches Zeitgefühl, wurde wahrscheinlich bewusstlos, bis die flackernden Lichter des Krankenwagens meine Augenlider durchstachen.

Es ist nicht okay. Es hat mein Leben verändert. Mir monatelang Angst gemacht, aus dem Haus zu gehen. War verantwortlich dafür, dass ich die Leute aus den Augen verlor, denen ich versucht habe zu helfen. Und nicht zu vergessen … ‚Wer will sonst einen Krüppel wie dich?‘

Gott.

„Hey …“ Cassies blaue Augen sind leicht aufgerissen, ihre Mundwinkel ziehen sich nach unten. „Ich habe einen wunden Punkt getroffen, oder? Bin ich wieder ins Fettnäpfchen getreten? Das tue ich oft, ich stecke meine Nase in Angelegenheiten, die mich nichts angehen. Es tut mir leid ...“

„Das muss es nicht.“ Ich strecke die Hand aus und drücke ihren Arm, schenke ihr ein schnelles Lächeln. „Unfälle passieren. Das Leben passiert. Und wer weiß? Vielleicht war es so am besten.“

Sie sieht nicht überzeugt aus und ich denke über meine Worte nach, als ich mit der Arbeit weitermache. Die Wahrheit ist, dass ich nichts Gutes daran finden kann, mein Bein gebrochen zu haben und nicht in einen anderen Bundesstaat gezogen zu sein, oder an dem Streit mit meinen Eltern. Nun, abgesehen davon, dass ich Blake nicht mehr um mich habe.

Wie auch immer, die Vergangenheit kann man nicht ungeschehen machen.

* * *

Cassie ist nicht so gesprächig wie sonst, als wir uns gegen die Kälte wappnen und zum Donutladen gehen. Ich vermute, sie glaubt, irgendeine Grenze überschritten zu haben, also versuche ich, sie abzulenken. Ich erzähle ihr von meiner Familie – von den guten Sachen, als wir zusammen im Urlaub in Kalifornien waren, als ich noch klein war, und tatsächlich Spaß hatten, und von den Streichen, die mein Bruder Joel ausheckte – und sie beginnt sich zu entspannen, als wir uns anstellen.

Unglücklicherweise bin ich jetzt diejenige, die sich verkrampft. Die Erinnerungen rufen ein Stechen in meinem Herzen hervor. Damals mochte ich Joel sehr. Er war eine Nervensäge, aber er versuchte nicht, mich zu etwas zu machen, das ich nicht bin.

Diese Tage liegen schon weit in der Vergangenheit zurück.

Als wir schließlich unseren Kaffee und unsere Donuts haben, sieht Cassie schon glücklicher aus und erzählt mir von ihrem Traum, mit verletzten Haustieren zu arbeiten. Sie will etwas bewirken und es erinnert mich an meine eigenen mickrigen Versuche, die Welt besser zu machen, und an die Menschen, die ich verloren habe. Die ich nicht habe retten können.

„Bist du okay?“ Cassie sieht mich stirnrunzelnd an. Sie hat Puderzucker an ihrer Oberlippe kleben.

Ich lächle und nicke. „Ja.“

„Ich liebe diese Donuts.“ Und wie um das zu beweisen, stopft sie sich den Mund mit dem Rest voll, was mich kichern lässt. Sie zeigt mit einem Finger auf mich. „Du isst ja gar nicht.“

Ich beeile mich, diesen Fehler zu beheben. Immerhin verschafft es mir Zeit nachzudenken – über den Streit, die Dinge, die meine Familie in meinen Kopf hineindrillen will, meine jämmerlichen Versuche, anderen zu helfen.

War es das wert? Bewirken meine Handlungen etwas? Ich habe es nie geschafft, jemanden zu retten. Was, wenn mein Vater recht hat? Was, wenn selbst Blake recht hat? Ich bin nicht Superman. Vielleicht macht es letzten Endes keinen Unterschied, ob ich ein paar obdachlosen Menschen Mittagessen kaufe oder ihnen Decken gebe. Vielleicht war alles umsonst.

„Hey.“ Cassie stößt mich mit dem Ellenbogen an. „Dieser Kerl starrt dich an. Kennst du ihn?“

Ich schaue überrascht von meinem halbgegessenen Donut auf. Und tatsächlich, er ist an seinem üblichen Platz, sein blasses Haar glänzt im Licht und er scheint zu uns zu schauen.

„Er sieht mich nicht an“, sage ich mit Überzeugung.

„Doch, das tut er. Schon seit einer Weile.“

Ich schlucke schwer. „Vielleicht sieht er dich an.“ Cassie ist so hübsch, dass es kein Wunder wäre. Ich wette, selbst aus der Ferne verlieben sich die Kerle scharenweise in sie.

Aber das macht keinen Sinn. Der Kerl hat auch gestern hier rüber gesehen.

Er starrt immer noch, seine Hände sind an seinen Seiten zu Fäusten geballt. Sein ganzes Wesen scheint auf uns konzentriert zu sein, und es lässt mich erschaudern. Dann macht er auf dem Absatz kehrt und geht ins Tattoostudio, die Tür schlägt hinter ihm zu. Was zur Hölle?

Mein Mund hängt offen. Ich wende mich zu Cassie, und ich finde einen amüsierten Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Das ist vorher schon mal passiert, oder?“, fragt sie nachdenklich.

„Was?“

„Dieser Kerl. Es hat dich nicht überrascht, ihn zu sehen.“

Ich mampfe den Rest meines Donuts und kaue so langsam wie möglich. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Er könnte verrückt sein. Er könnte gefährlich sein. Vielleicht sollte ich nicht mehr herkommen.

Er mag wie ein Engel aussehen, aber wie meine Erfahrung mit Blake mir gezeigt hat, könnte er innerlich dennoch verdorben sein.


Kapitel 3

Micah

Verdammt. Ich habe die ganze Nacht und den Morgen damit verbracht, mich dafür zu wappnen, sie anzusprechen, um herauszufinden, ob sie es tatsächlich ist, Ev. Und dann tauchte sie mit diesem blonden Mädchen auf. Was mache ich jetzt?

Ich marschiere zurück ins Damage Control und sehe Seth, der den Boden fegt, sein dunkler Haarschopf ist dabei nach unten gesenkt. Er hat indianisches Blut in seinen Adern, wie auch sein Cousin, Shane, der hier ebenfalls seine Ausbildung macht. Seine Tattoos wandern seinen Hals hoch, das eindrucksvollste ist das einer Schlange – ein Design, das Zane auf jeden von uns Streunern tätowiert hat, die er und Rafe aufgenommen haben. Die Damage Bande nennen sie uns.

Seth, Shane und Jesse bezahlen nicht für ihre Ausbildung – natürlich nicht, keiner von uns hat Geld – aber dafür putzen sie den Laden, während sie das Handwerk lernen.

Ich gehe an Seth vorbei in meine Kabine, setze mich auf meinen Hocker und drehe mich im Kreis.

„Hey, Micah.“ Es ist Ocean, der andere Tätowierer. Ich frage mich oft, ob er sein Haar aufgrund seines Namens blau färbt. „Wir gehen heute Abend auf ein paar Bier ins Halo, ist ein neuer Schuppen in der Nähe. Hast du davon gehört?“

Ich schließe die Augen und reibe mir übers Gesicht. „Nein. Hör zu, ich muss mich wieder an die Arbeit machen.“ Schwachsinn, ich habe immer noch Pause, aber wen interessiert’s.

„Nun, Shane und Jesse werden jedenfalls da sein“, sagt Ocean, der keinen Wink mit dem Zaunpfahl versteht. „Seth sagt, dass er auch vorbeikommen wird. Willst du kommen?“

Ich fahre mit den Fingern durch mein kurzes Haar und seufze. „Vielleicht ein anderes Mal.“

„Komm schon, Kumpel.“ Ocean grinst breit. Ja, nichts kann den Sunny Boy vom Damage Control runterbringen. „Du triffst dich nie mit uns.“

„Ich bin nicht der gesellige Typ, okay?“

„Ach komm schon. Wir werden Billard spielen und etwas abhängen, und dann könnten wir …“

„Hey. Ocean.“ Ich hebe eine Hand, meine Geduld neigt sich dem Ende zu. „Nicht heute, okay?“

„Alles klar, Alter.“ Er wendet sich zum Gehen, also bin ich mir nicht sicher, ob ich seine nächsten Worte richtig höre, aber es klingt wie „Schotte dich nur nicht von deiner Familie ab.“

Mist. Nachdem er fort ist, lehne ich mich gegen den Tresen. Mir war nicht bewusst, dass ich andere aussperre. Vielleicht sollte ich mich heute Abend doch mit den Jungs treffen. Vielleicht …

Ev.

Was macht es schon, wenn sie mit jemandem zusammen hier ist? Ich muss mich vergewissern, ob sie es tatsächlich ist.

Ich springe von meinem Stuhl auf und bin in zwei Schritten aus dem Damage Control raus. Meine offene Jacke flattert im Wind, als ich die Straße überquere und auf dem kürzesten Weg zum Donutladen gehe.

Nur sitzen die beiden Mädchen nicht mehr auf der Bank. Ich schaue ins Ladeninnere hinein, dann die Straße runter. Was zur Hölle? Ich war nicht lange fort, oder? Werde ich meine Chance erneut verpassen? Erst gestern bin ich ihr hinterhergerannt, habe nach ihr gerufen, nur hat sie sich nie umgedreht.

Ich erhasche einen Blick auf ein schlankes Mädchen, das um die Ecke biegt, vielleicht fünfzehn Meter von mir entfernt. Ich zögere, aber das leichte Humpeln verrät sie, und ich renne hinter ihr her. Meine Springerstiefel schlagen rhythmisch auf dem Bürgersteig auf, schneller und schneller, während ich mich an den Passanten vorbeischlängle und die Allee hinuntersprinte.

Wo ist sie?

Ich werde langsamer und schaue mich um, kann sie aber nirgendwo entdecken. „Scheiße!“ Ich drehe mich im Kreis, raufe mir die kurzen Haare.

Dann setze ich mich wieder in Bewegung, schiebe mich durch die Menschenmenge vor einer Burgerbude und komme an einer Bushaltestelle vorbei. Was zum Teufel? Sie war direkt vor mir gewesen. Mit ihrem Humpeln kann sie nicht weit gekommen sein. Ich tigere fluchend auf und ab und muss ein Husten unterdrücken. Meine Lunge fühlt sich an, als würde sie zusammengepresst.

Es ist zwecklos. Sie hat sich in Luft aufgelöst. Das könnte ein Zeichen sein, dass ich das hier aufgeben sollte. Wahrscheinlich ist sie es nicht einmal, und selbst wenn, gibt es keinen Grund, warum ich mich in ihr Leben drängen sollte.

Schluss mit diesem Mist. Ich schiebe meine Hände in die Hosentaschen, drehe mich um und wappne mich gegen den Wind.

Dann sehe ich sie. Sie ist nur wenige Meter entfernt. In einer engen Jogginghose und einem großen Kapuzenpulli gekleidet, eilt sie von mir weg. Für einen flüchtigen Moment schaut sie über die Schulter, direkt zu mir, und ich sehe die blanke Furcht in ihren Augen.

Scheiße. Sie hat Angst vor mir. Natürlich hat sie das. Ich führe mich wie ein gottverdammter Stalker auf, beobachte und verfolge sie. Ich hebe in einer unbedrohlichen Geste meine Hände und schüttle den Kopf, gehe einen Schritt zurück, wodurch ich jemanden anremple.

Aber sie sieht mich nicht länger an. Sie rennt los, ihr Pferdeschwanz schwingt von links nach rechts. Meine Augen verengen sich, als ich sie stolpern sehe.

Verdammt. Ohne einen zweiten Gedanken sprinte ich hinter ihr her, überbrücke die kurze Entfernung innerhalb eines Herzschlages. Sie fällt, ihre Knie geben nach. Ich greife nach ihrem Arm, schaffe es, ihren Ärmel zu erwischen und sie zu stützen. Die Zeit bleibt stehen, zieht sich zäh wie Kaugummi in die Länge. Meine ganze Welt schrumpft auf meine Hand zusammen, die sie vom Fallen abhält, und die großen bernsteinfarbenen Augen in ihrem blassen Gesicht.

Die auf mich fixiert sind.

Ich starre zurück. Ist sie es? Ist sie Ev? Plötzlich bin ich mir unsicher. Meine Erinnerung ist verschwommen. Die Augen … Das ist alles, woran ich mich erinnere, aber kann ich meinem Gehirn trauen, das damals im Fieberwahnsinn glühte?


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